Ein Tag mit Lance

Ein Tag mit Lance-Unter Zikaden

Das Abenteuer geht weiter! Jürgen und Jörg sind immer noch auf der Suche nach unserem Freund Lance, der ja bekanntlich entführt wurde. Nun kommt eine weitere Person ins Spiel, die den beiden bei ihrer Suche ein große Hilfe sein wird. Übrigens wurde ich heute wieder an der Kasse gefragt, ob ich Treueherzen sammle. Ich sagte Nein, hätte aber gern noch ein pathetisches NIEMALS hinterher geschoben.

Juliana Helena Fernandez hat schon viele Sommer erlebt. Ihre Gesichtshaut ist gebräunt, ihr schwarzes Haar, von einzelnen weißen Haaren durchzogen, fällt wie heißes Teer über die schmalen Schultern ihrer drahtigen Gestalt. Ihre dunklen Augen blitzen wütend, während sie laut und erregt in fast Akzent freiem Deutsch über das „La Playa“ spricht. „La Playa“ ein umzäuntes Bungalowdorf am Strand. Nicht weit von hier. Dort hätten sich seit Monaten ein paar ominöse deutsche Filmleute und ein paar Dutzend verhaltensauffällige Statisten breit gemacht, die mit ihrer penetranten und ihrem öffentlich promisken Gebaren am Strand und im Ort schon viel Missmut auf sich gezogen hätten.
Wir sitzen auf der Veranda ihrer kleinen Finka, trinken Saft und lauschen Julianas Worten. Die Sonne ist schon fast vom Meer verschluckt und der allabendliche Zikadenchor bemüht seinen Singsang.
Juliana arbeitet tagsüber als Animateurin in einem Hotel neben der Ferienanlage. Von ihrem Büro aus, wo sie die Sportpläne für abgelaufenes Urlauberfleisch erstellt, kann sie das Treiben in der fast hermetisch abgeriegelten Anlage beobachten. Sie spricht von sektenähnlichen Zuständen. Ein riesiger Spanier-wahrscheinlich die Hackfresse, die mir jüngst auf die Kauleiste drömmelte-bewache den Eingang, ein Mann mit Schal, den wir ab jetzt bitte nur noch Schal nennen, führe sich dort auf wie ein Guru. Überall sind Kameras installiert und zwei Kameramänner, die niemals schlafen, schwirren überall umher. Merkwürdige Rituale werden dort Nacht für Nacht zelebriert.
Sonne, Sangria und des Schals strammes Regiment haben den Statisten offenbar das Hirn gewaschen. Gedreht wird rund um die Uhr. Die Leute sind dadurch auf ihre eindimensionalen Charaktere zurück geschrumpft, ja der Begriff Persönlichkeitsstörung mag das kollektive Bild nicht mehr umschreiben. Jeder Schritt wird dirigiert, beliebig wiederholt und vorgeschrieben vom Drehbuch des Wahnsinns. Nein, das ist kein freies Dasein unter der lachenden Sonne Mallorcas. Das ist nur noch das hilflose Zucken gebrochener Primaten in einer absurden Pseudorealität, die aus dem kranken Hirn des Schals gekrochen ist. Juliana beendet ihren Bericht, bekreuzigt sich und sackt zusammen.
„Verdammich nochmal!“ brüllt Jürgen und haut auf den Tisch, entschuldigt sich aber im gleichen Augenblick wegen seines Ausbruchs. Er hält kurz inne, zückt dann sein Handy und schiebt seinen Zeigefinger übers Display.
„Was tust du da?“ frage ich.
„Ich rufe jemanden an..einen Freund, der bei der Polizei arbeitet….“
„Leider zwecklos…“ sagt Juliana. „Die Polizei war schon oft da, aber spanische Gesetze können nichts ausrichten gegen solche Machenschaften..Es ist ihnen nichts nachzuweisen.“
„Armes Deutschland“ murmelt Jürgen und bricht sein Vorhaben ab. Juliana und ich sehen uns irritiert an.
„Wir sollten erstmal hin und uns die Sache aus der Nähe anschauen“ sage ich.
„Das ist eine gute Idee! Können wir morgen dein Büro als Aussicht nutzen“ fragt Jürgen in Julianas Richtung.
„Ja, sicher! Aber warum erst morgen?“ fragt Juliana.
„Ja, warum erst morgen?“ stoße ich ins gleiche Horn. “Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, und in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr geraten, hat Sun Tsu gesagt…das gilt, soviel ich weiß, auch für abends.“
Juliana zwinkert mir zu. Das Zitat hat offenbar bei ihr eingeschlagen wie eine Rakete. Jürgen zögert kurz, doch dann sagt er:
„Teufel auch! Lass uns los fahren!“ Er springt auf und blickt wild entschlossen um sich.
„Nicht so schnell!“ lacht Juliana. „Erst essen wir noch etwas und dann können wir los.“

Ein Tag mit Lance-Francescos Faust

Lance ist wieder da. Doch wer sind all die anderen Leute da. Was wollen die? Was wird sich hier auf Malle noch zutragen? Ich werde es hier im fett gedruckten Bereich nicht preisgeben. Weiter unten im Text…Ja, genau da. Fiesta!

Frau Stiehl stößt einen Schrei aus, stürzt auf ihren Sohn zu und drückt ihn schluchzend an ihre Brust. Versunken in Mutters Fleisch hört man Lancies dumpfe und unverständliche Stimme. Nur widerwillig entlässt sie ihn, zerzaust wie ein Frühchen, aus ihren üppigen Fängen.
Dann folgt eine hölzerne Umarmung mit dem Vater. Als Lance fragend auf des Vaters zerkloppte Nase zeigt, winkt dieser ab. Durch mich schaut Lance einfach durch, als wäre ich garnicht da.
Dann winkt er das dralle Mädchen heran.
„Mutter! Vater!“ sagt Lance feierlich. „Darf ich euch meine zukünftige Frau vorstellen-Jasmin!“
Sie gibt den Parentalen artig die Hand und vollführt einen leichten Knicks.
Denen hat es die Sprache verschlagen und sie gaffen mit offenem Mund abwechselnd zwischen Lance und Jasmin hin und her.
Da verliert Jasmin auf einmal die Nerven und Tränen schießen ihr aus den Augen. Sie dreht sich um und wetzt plärrend davon.
„Jasmin! Warte!“ ruft Lance, doch die Holde stellt die Flucht nicht ein. Das schmatzende Geräusch ihrer Badelatschen auf dem Flughafenboden ruft ein jüngeres Trauma in mir wach. Dann stürzt Lance ihr hinterher, der Typ mit der Kamera hängt sich unter den Antreibungen des Seidenschals ran.
Das Ehepar Stiehl und ich kommen mit dem ganzen Gepäck nur schwerlich hinterher. Wir verlieren sie im Getümmel des Airports.
Vor dem Flughafen finden wir sie vor einem weißen Transporter stehend. Jasmin, deren Kopf vom Rennen puterrot angeluafen ist, redet wild gestikulierend auf Lance ein. Als wir heran treten, legt der Seidenschal den Finger auf den Mund .
„Lance, Ich habe das Gefühl, dass deine Eltern mich überhaupt nicht mögen!“ quengelt Jasmin. Ihre kleinen Augen sind ganz rotgeweint.
„Nein, das ist nicht wahr! Gib ihnen doch erst mal die Chance dich kenne zu lernen! Ich…“
„Stop! Stop!Stop!“ ruft der Seidenschal tuckig dazwischen, der Kameramann lässt die Kamera sinken.
„Ein bischen mehr Leidenschaft, wenn ich bitten darf. Du bist zu monoton, Jens!“
„Lance! Ich heiße Lance!“ wirft Lance kleinlaut ein.
„Ja, Lance, von mir aus …Aber versuche etwas emotionaler zu sein. Hebe vielleicht beschwörend die Arme, wenn du sprichst!- Gut, Szene 12 Jasmin/ Lance vorm Airport, ab Jasmin! Kamera ab“
Mandy legt nochmal los:
„Ich habe das Gefühl, dass deine Eltern mich überhaupt nich mögen!“
„Nein…es ist nicht wahr…ich…ich…!“ Lance verhaspelt sich und stammelt wirr daher.
Der Seidenschal diktiert aus einem Hefter:
„NEIN, ES IST NICHT WAHR; GIB IHNEN DOCH ERST MAL DIE CHANCE DICH KENNEN ZU LERNEN!!! Was ist an diesem Satz so schwer??“
„Nichts, ich habe…“
„Und warum schaffst du es nicht diesen einfachen Satz zu sagen?“
Ich merke, dass es Zeit wird, zu intervenieren. Deshalb schiebe ich mich zwischen Seidenschal und Lance und sage:
„So jetzt reicht es! Was läuft hier?“
„Würden sie die Güte haben, sich vom Set zu entfernen!“ sagt der Seidenschal unbeeindruckt.
„Du hältst mal für´n Augenblick die Fresse“ sage ich zu ihm und hebe drohend den Zeigefinger.
„Entfernen Sie sich SOFORT vom Set, sonst…“ spricht der Seidenschal nun leicht gereizt.
„Sonst was? Wilst DU mir drohen, du Seidenidiot.“
Ich lache schallend. Den Penner schnips ich doch mit einem Lächeln in den nächsten Gulli.
„Nun gut! FRANCESCO!“ ruft der Seidenschal zum Transporter, aus dem sich darauf ein riesiges Muskelpaket zwängt und sich stramm vor Seidenschal aufbaut.
„Si, Senor!“ grunzt es aus dem Glatzkopf.
„Begleite doch diesen jungen Mann vom Set!“
DerMuskelberg bewegt sich langsam auf mich zu. Seine Haut ist braun gebrannt, das Gesicht von all der trainingsbedingten Pressatmung faltig und verbissen, Goldkette und dämliches Oberamtattoo schmücken den aufgepumpten Bolle. Und dann hat er mich auch schon am Genick und wirft mich mehrere Meter weiter auf den heißen Asphalt. Er bleibt vor mir mit verschränten Armen stehen und lässt mich nicht mehr vorbei. Meine wutschnaubenden Worte prallen an ihm ab, ich versuche Passanten heranzuziehen, doch keiner möchte mir helfen.
Lance, seine Eltern, Jasmin, Seidenschal und der Typ mit der Kamera steigen in den Transporter. Ich schreie los und Frau Stiehl schaut unsicher zu mir rüber, wird aber vom Seidenschal energisch in das Fahrzeug geschoben. Francesco drückt mir seine riesige Tatze ins Gesicht. Sie stinkt nach Ringelblumensalbe.
Als alle eingestiegen sind und der Transporter startet, lässt er von mir ab.
“Vete a la mierda! Hijo de puta!” rufe ich dummerweise hinterher, denn das veranlasst ihn nochmal zu mir zurück zu kehren. Sein Gesicht verrät, dass ich mit diesem einzigen spanischen Satz, den ich beherrsche, sein südländisches Blut in Wallung gebracht habe.
“Cierra el pico!” knurrt er. Dann seine Faust. Dunkelheit.

Ein Tag mit Lance- Des Wahnsinns fette Beute

Da die Revolution gestern doch nicht statt fand, geht es heute mit Lance weiter. Wir wissen immer noch nicht, wo er ist. Aber heute kommt es raus! Tip: Wer diesen Teil von hinten liest, spart sich etwas Zeit!

Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich die Bullen rufen. Eins…eins…null. Da kommen sie auch schon mit zwei blauen Funkstreifen über den Rollsplit geknirscht. Als dann auch noch der Notarzt eintrifft, ist es wieder voll auf dem alten Spielplatz. Zwei Beamte nehmen sich Herrn Stiehl vor, zwei Rettungskräfte versorgen seine Nase. Die anderen beiden Cops kümmern sich um mich. Sie verlangen nach meinen Personalien. Ich gebe ihnen meinen ramponierten Ausweis, den sie mit spitzen Fingern überprüfen und dann soll ich den Vorfall schildern. Ich berichte knapp, wie uns die Jugendlichen fertig gemacht hatten.
„Was wollten sie denn auf dem Spielplatz?“ fragt mich der Eine.
Nun bleibt mir nichts weiter übrig als die ganze Geschichte zu erzählen. Abgeschwächt natürlich. Ich rede eine ganze Weile und der eine Bulle hört irgendwann auf, sich Notizen zu machen. Sie gucken sich um, kratzen sich die Köpfe – jeder seinen eigenen, versteht sich – und als mein Bericht zur Neige gegangen ist, soll ich einen Alkoholtest machen. Ich weigere mich und verklage in meiner Rage lauthals das ganze Schweinesystem. Zwei Kinder mit Rollern stehen in sicherer Entfernung und halten Maulaffeinfeil.

Die Cops werden nun ungemütlich und drängen verstärkt darauf, dass ich die von ihnen geforderte Maßnahme über mich ergehen lasse. Ich gebe auf und puste. Der gemessene Wert, scheint mich als Bürger nun völlig zu entmündigen. Sie geben mir angewidert meinen Ausweis zurück und versichern mir, sich um die Sache zu verkümmern. Sie reden mit mir wie mit einem geistig Schwachen, einem wirr daher redenden Kauz, der aber ansonsten harmlos ist.
Das beanstande ich laut, berufe mich auf das Grundgesetz und fordere von den Beamten, dass sie ihrer Aufgabe mit mehr Redlichkeit nachgehen. Darauf hin erhalte ich einen Platzverweis. Einen Spielplatzverweis, besser gesagt und sollte ich dem nicht SOFORT nachkommen, dann geht’s auf die Wache, droht mir der eine Bulle und klappert demonstrativ mit den Handschellen. Der andere hingegen lacht sich ins Fäustchen, weil nun auch er die ungewollte Satire mit dem Platzverweis kapiert hat.
Ich trolle mich murrend und stehe neben den beiden Kindern mit den Rollern, die zu mir hoch gaffen. In ihnen brennen tausend Fragen. Das spüre ich. Das eine Kind fasst sich schließlich ein Herz und fragt vorsichtig, was da passiert sei und warum der alte Mann da blutet. Ich beuge mich leicht hinunter und sage:
„Die Polizei hat den armen Mann ganz doll gehauen!“
Das Kind schaut mich mit offenem Mund an. Es ist ein leichtgläubiges Wesen. Kein Zweifel steht ihm im Gesicht.

„Und warum hat die Polizei den gehauen!“ fragt es vorsichtig nach.
„Das weiß ich leider nicht “ sage ich und schüttle müde mein Haupt.
„Ist der Mann böse? fragt es, nachdem es eine Weile nachdenklich an seinen Schaumstofflenkergriffen gepult hat.
„Nein, ich glaube die Polizei ist böse!“ sage ich.
Ich bin in meinen Urteilen über die Exekutive wirklich etwas befangen in diesem Moment.
Die Stimmung ist nun wirklich bedrückend. Das andere Kind schaut auch recht betroffen und jetzt tun sie mir leid. Ich hole zum Trost eine Packung Kaugummis hervor. Das ruft Begeisterung und glänzende Augen hervor und sie greifen beherzt nach der Süßigkeit. Das sehen nun auch die Bullen, die gerade in diesem Moment zu uns schauen. Sofort spurten sie auf mich zu. Die Kinder erschrecken und fahren panisch mit ihren Rollern davon.
„So Freundchen, letzte Verwarnung!“ schnauft der Bulle. Meine Harmlosigkeit scheint nun verspielt. Ich schlurfe davon, überlege, was ich tun könnte, da vibriert es in meiner Tasche. Das Display zeigt einen Namen: Lance!
„Oh Mann, da bist du ja, du Pfeife! Wo zur Hölle treibst du dich rum!“ schreie ich zur Begrüßung. Mir fallen Steine vom Herzen, mir wachsen Flügel in diesem Moment.
„Jörg? Du musst mir helfen! Ich hab Scheiße gebaut.“ jammert es aus meinem Telefon.
Lance klingt ramponiert und bedrückt. Im Hintergrund lebhaftes und unverständliches Geplapper. Aber er lebt offensichtlich
„Ich war gestern noch im „Heaven“, da hab ich so einen Vertrag für diese Show unterschrieben, dann haben sie mir meinen Ausweis abgenommen und dann sind wir auch gleich los!“ stammelt er.
Vertrag? Show? „Heaven“, dieser Bumsschuppen von Großraumdisko? Ich komme nicht mit.
„Okay, Lance! Alles wird gut, aber WO bist du?“
„Am Flughafen!“
„Am Flug…? Okay, bleib wo du bist! Ich hole dich!“
Verdammt, jetzt ist auch egal! Jetzt kann ich auch noch mit der Regionalbahn zu einem der beiden Flughäfen zuckeln.
„Okay Lance! An welchem bist du denn überhaupt?“
„Palma!“
„Wat? Palma?“
„…de Mallorca!“ schiebt er hinterher.

Ein Tag mit Lance- Ärger am Klettergerüst

Eine neue Folge! Brutal wie das Leben selbst!!! Autojagden mit deutschen Autos, Schlägereien und große Gefühle. Rauhe Töne sind nichts ungewöhnliches in diesen Abenteuern. Aber diesmal fliegt euch das Blech weg! Ich schwöre! Wer zu schwach ist, sollte das nicht lesen. Echt, ich will´s es nur vorher ansagen. Nachher ist das Geschrei wieder groß! Ich überlege übrigens, mich vegetativ zu vermehren. Dann schick ich meinen Klon zum Amt, denn die Arschlöcher dort hält doch keiner aus!

Herr Stiehl fährt seinen überpflegten VW Venta nicht ohne eine gehörigen Portion Besitzerstolz.
Es riecht nach Polsterspray und Armaturenpflege, die Fußmatten sind gesaugt und der Duftbaum ist definitiv frisch, jede Kuller seines Autositzmassagematte scheint einzeln poliert. Schon beim Einsteigen konnte ich einen Blick in den frisch gewachsten Lackspiegel der Karosserie werfen.
Fakt ist: Herr Stiehl hat eine Beziehung zu seinem Volkswagen, die von wahrer Hingabe gekennzeichnet ist. Sie sind Kumpel und Partner wie K.I.T.T. und Michael. Wie er trotz höchster Anspannung sanft das genoppte Lederlenkrad umgreift, sanft schaltet und mit seinen braunen Wildlederschuhen die Pedalen umzärtelt, und wie es ihm der Wagen mit zufriedenem Brummen dankt. Wir werden hier Zeuge von etwas ganz Großem: Ein Mann und sein Auto suchen den verlorenen Sohn.
Katja beugt sich nach vorn und fragt:
„Wo fahren wir eigentlich hin?“
Herr Stiehl schaut in den Rückspiegel und sagt knapp:
„Zum Spielplatz“
Arnold Schwarzenegger spricht aus ihm. Dann richtet er den Blick wieder auf die Straße. Katja und ich schauen uns verwundert an.
„Zum Spielplatz?“ frage ich zögerlich nach.
„Ja!“
Ok, murmle ich, lasse mich noch tiefer in den Autositz sinken, schaue wieder auf die Straße .
„Was wollen wir den auf dem Spielplatz?“ ruft Katja etwas ungehalten von hinten.
„Anhaltspunkte suchen!“ antwortet er.
„Auf einem Spielplatz?“
„Ja!“
Katja gibt auf und lässt sich nach hinten fallen.
Ein paar Minuten parken wir vor einem Spielplatz, der schon Jahrzehnte keine Erneuerung mehr mehr genossen hat. Wippe, Rutsche, Klettergerüst – alles im Charme eines Trainingscamps
für Feierabendterroristen irgendwo in Nahost.
Widerwillig folgen wir Herrn Stiehl, der zielstrebig auf den Sandkasten zusteuert und sich die Sonnenbrille in die Stirn schiebt. Ein Wind kommt auf und wirbelt braunes Laub auf.
Kinder sind da nicht zu sehen. Nur eine Clique von vielleicht acht Jugendlichen, die höchstens 15 oder sechzehn zu sein scheinen, hängen rauchend um eine bemalte Bank herum. Als wir ihr Revier betreten, verdunkeln sich ihre Blicke.
Herr Stiehl steht im Sandkasten und versucht eine Fährte zu lesen, wir stehen mit Abstand daneben und schauen uns unsicher um. Herr Stiehl hebt ein altes Prospekt auf, pustet es vom Sand frei und studiert es. Der Mann macht mir langsam Sorgen.
„Was tun wir hier eigentlich?“ platzt Katja der Arsch.
Herr Stiehl blickt auf, als hätte man ihn gerade aus dem Schlaf gerissen. Der Wind hat sein Haar zersaust, seine kleinen kalten Schweinsaugen sind wahnhaft aufgerissen und schauen abwechselnd mich und Katja an:
„Anhaltspunkte sammeln!“
„Okay, mir reicht es. Ich gehe! Das macht hier alles keinen Sinn, außerdem habe ich in einer Stunde Blockseminar! Wenn euch einfällt wo ihr suchen wollt, kannst du mich ja anrufen!“
Sie dreht sich um und stampft los.
„Katja!“ rufe ich und laufe ihr nach. Sie dreht sich um und wir stehen uns gegenüber.
„Hör mal Jörg, ich muss wirklich los und ehrlich gesagt: mehr können wir jetzt nicht tun. Wenn er morgen immer noch nichts von sich hören lässt- was ich nicht glaube- dann gehen wir zur Polizei. Es wäre bloß gut, wenn du ihn vielleicht davon überzeugen könntest. Die arme Frau Stiel…“
Herr Stiehl misst völlig versunken mit zu Boden gesenktem Blick den Spielplatz ab und bewegt sich auf die Jugendlichen zu, die schon hämisch grinsen und argwöhnisch äugen.
„Gut, ich ruf dich an!“ sage ich. Wir umarmen uns zum Abschied. Sie latscht los, ich schaue ihr hinterher bis sie verschwindet und als ich mich umdrehe, sehe ich Herrn Stiehl an der Bank stehen und Worte mit der Clique wechseln. Ich spute mich hin.
„…und im Übrigen lasse ich mir von ihnen nicht sagen, wo ich meine Füße hin packe!“ sagt gerade ein blondierter Backfisch, der mit dem Arsch auf die Banklehne sitzt und rotzt dem verdutzten Herrn Stiehl zwischen die Stelzen.
„Das ist ja wohl unerhört. Nimm sofort die Beine von der Bank, Mädchen sonst…“
Ein Junge, einer von diesen wohlgenährten verpickelten Riesenbabys, in Gangsterkleidung tut sich fuchtelnd hervor.
„Yo…Yo…Yo…Was sonst??? Hä, Was sonst du Spastiopfer! Willst du uns drohen du behinderte Missgeburt???“
Ich packe Herrn Stiehl beim Arm:
„Wir sollten jetz gehen!“ zische ich ihm zu.
„Wer isn das? Dein Betreuer?“ kräht ein anderes Mädchen und bleckt die Zahnspange, um mit den anderen in hämisches Gegröle auszubrechen.
„Das ist sein Lustknabe!“ keift jemand anderes.
„Sein Popieker!“ grölen zwei wie aus einem Munde und klatschen sich ab. Die ganze Bande tobt. Ob die Eltern während der Kopulation nur einen Moment daran gedacht haben, dass sie Arschlochkinder in die Welt setzen.
„Ich werde mal mit euren Eltern reden!“ schnauft Herr Stiehl, während ich versuche ihn abzuschleppen.
„Fuck mich nicht ab, du Homospast! Verpiss dich!“ grölt das Riesenbaby.
„Jaaa, verpisst euch ihr Homos…“ und „Ich fick dein Leben“ rufen die anderen.
„…deine Mutter!“…schiebt das Riesenbabie noch hinterher.
Das mit der Mutter war zuviel. Herr Stiehl reißt sich los und stürzt sich auf seine Peiniger, die Jugendlichen spritzen erschrocken auseinander, er brüllt wie ein Löwe, gerät aber ins Straucheln und rennt direkt in die Faust des Riesenbabies, stürzt hin und bleibt reglos auf dem Rollsplit liegen. Schlagartig ist es still. Alles erstarrt, friert ein. Ein mit fleckkiger Brille versehener Junge hat noch den Finger in der Nase. Die Kinder schauen betroffen auf den im Dreck liegenden Mann. Nur das Riesenbabie schaut abwechselnd erschrocken auf seine Faust und auf den reglosen alten Mann.
„Scheiße…Justin…du, du, du hast ihn umgebracht!“ stößt die Zahnspange hervor.
Der schaut immer noch abwechselnd hin und her und verliert die Farbe gänzlich aus seinem Gesicht. Selbst die Pickel werden weiß wie eine Wand.
„Ich hab doch gar nichts…“
„Du hast ihn umgebracht!“ greint jetzt die Zahnspange. Alle anderen stehen still da und schweigen in Schockstarre.
„Lass uns abhauen!“ brüllt einer und schon sind wir alleine auf dem Spielplatz. Nur eine langsam verschwindene Staubwolke erinnert an die kleinen Penner.
Ich beuge mich runter zu Herrn Stiehl und schüttle ihn. Er kommt zu sich. Seine Nase sieht irgendwie nicht gut aus. Ich richte ihn halb auf , er kann aber nicht aufstehen.
„Ruf die Polizei!“ keucht er und kotzt sich auf die Freizeithose.

Ein Tag mit Lance- Mission impossible!!!

Lance is immer noch nicht aufgetaucht. Jörg macht sich, schwer vom Alkohol gezeichnet, auf die Suche. Wird er Lance finden? Und wer ist Pitchgirl 11? Fragen über Fragen! Ein gelüftetes Geheimnis zieht ein weiteres nach sich. Die ganze Geschichte wird immer mysteriöser und verknoteter. Ich hab ein bisschen Angst, dass die „Hells Mopeds“ noch eine ganz, ganz unangenehme Rolle spielen werden. Das wäre fatal. Denn diese Bikergang sind Feinde der Demokratie…äh ja…egal

»Heeeey. Wie geht’s dir denn ?« sagt Pitchgirl11 alias Katja alias Katzenauge, drückt mich ganz fest und reibt über meine Jacke. Ich wusste doch, dass sie es ist und zum ersten Mal fühle ich mich gut heute. Wie sie mich mitleidsvoll bestürmt. Ja, auch die kleinen Katastrophen schweißen Menschen zusammen.
Wir gehen in die Küche und da sitzen verkaterte Studenten und nippen aus ihren geklauten Mensatassen. Sie gucken mich noch etwas befremdlich an wegen der Nummer von letzter Nacht, aber der verschwundene Lance überlagert dies im Moment. Jeder gibt seinen Senf dazu und erhebt sich zum Experten für die Suche von Vermissten. Ich bekomme einen türkischen Kaffee serviert, der nach den ersten Schlucken meine empfindliche Magenwand in Alarmstimmung versetzt und meinen Mund mit braunen Krümeln füllt. Dann können wir endlich gehen.

Im weißen Tageslicht sieht Katja genau so fertig aus wie ich, das schafft auch in dieser Hinsicht gleiche Augenhöhe und so fühle ich mich noch verbundener mit ihr.
Wir nehmen die Straßenbahn. Der Fahrkartenautomat verweigert konsequent die Annahme meines Geldstücks. Höhnisch klimpert es immer wieder in das Ausgabefach. Das macht mich rasch wütend. Der Scheißautomat bekommt die Münze noch so oft zu schmecken bis sich Katjas Hand beruhigen auf meinen Arm legt:
»Hey, es geht nicht…die paar Stationen«

Die Tram ruckelt mit uns durch die albern aufgetakelte Innenstadt und dann in Richtung Norden durch die weniger attraktiven Wohngegenden. Eine warme Frauenstimme kündigt jede Station so sinnlich an, dass man sich einem leichten Anflug von Behaglichkeit nicht entziehen kann.
In meiner Phantasie hat die Stimme einen Körper. Ein Mischwesen aus
Hannelore Fischer vom ZDF-Mittagsmagazin und Sandra Maischberger lenkt vergnügt die Elektrische durch die Stadt der kranken Seelen.
Je mehr wir uns aus dem Stadtkern entfernen, um so geringer wird die Anzahl von Cafés und Fashionstores zugunsten von dubiosen Geschäften vor denen trinkende Menschen mit viel Tagesfreizeit stehen. Um so grauer werden auch die Fassaden, um so zahlreicher die Plakate, die für Howard Carpendale und Reptilienmesse werben.
Vor jeder Station checke ich nervös und fluchtbereit den Außenbereich. Jeder von denen, die hier einsteigen, könnte ein Kontrolleur sein: Beutelträger, Jeansjacken, Kamm in der Arschtasche, Schnauzbärte in verquollenen Gesichtern könnten jetzt einen speckigen Ausweis checken und mich um ein paar Mäuse erleichtern.
Dann entspanne ich mich aber und wir quatschen richtig gut miteinander, dass wir fast die Station verpassen.
Die Straße am Stadtrand, in der Lancies Eltern wohnen ist von schnöden Spitzdacheinfamilienhäusern dominiert.
Hier wäscht man Samstag vormittag noch Auto, geht mit Glasfaserkabel ins Netz und schneidet inbrünstig die Hecke
Ich hab die Hausummer nicht im Kopf, deswegen müssen wir jedes Klingelschild begutachten. Mißtrauen und Argwohn schlägt uns von den Bewohnern entgegen. Verstohlen, den Finger schon an der Wählscheibe, schauen sie über ihre Sicherheitszäune.
Bei einem Grundstück springt brüllend ein Riesenschnauzer ganz unerwartet gegen den Zaun, dass ich fast einen Herzkaspar
erleide. Nachdem wir die ganze Straße abgeklapper haben, stehen wir auch endlich vor dem Grundstück von Familie Stiehl. »Vorsicht vor dem bisschen Hund« steht auf einem gelben Schild am Zaun. Drei mal laut gelacht! Der Stiehl´sche Köter ist seit zwei Jahren tot. Das wurde mir bei unserer letzten Begegnung lang und breit erzählt.
Wir betreten das Grundstück, gehen vorbei an Gartenzwergen, weißen Plastikstühlen, Hollywoodschaukel und Rabatten zum Haus und bimmeln. Drinnen bewegt sich etwas, es schnauft und klappert hinter der Tür, wahrscheinlich wird der Spion benutzt, dann schließen ungefähr sechs Schlösser, bis sich die Tür öffnet und Frau Stiehl uns überrascht anschaut:
»Jörg?«
»Hallo Frau Stiehl, ich hoffe wir stören nicht. Wir wollten nur fragen, ob ihr Sohn bei ihnen ist?« sage ich und klinge wie ein Tatortbulle.
»Nein, der ist nicht hier? Wieso?« sagt Frau Stiehl. Sorge kraucht ihr sichtbar ins Gesicht.
Nun erzähle ich die Geschichte in massiv abgeschwächter Form, was aber nicht verhindert, dass Frau Stiehl entsetzlich zu hyperventilieren anfängt. Sie schnappt hektisch nach Luft, fuchtelt mit ihren Schmuck behängten Armen und beginnt atonal zu wimmern.
Da taucht Herr Stiehl im lila Hausanzug hinter ihrem Rücken auf. Ich hatte gehofft, dass er nicht da ist.
»Was ist denn hier los?« poltert er.
»Mein Junge ist verschwunden!« schreit Frau Stiehl und bricht auf den Terrakottafliesen zusammen.
Ich gebe mir Mühe die ganze Story, diesmal noch abgeschwächter, zu erklären. Herr Stiehl hört sich
die ganze Sache mit steinerner Miene an.
»Gebt mir zwei Minuten!« sagt er knapp und verschwindet, um einen Moment später wieder aufzutauchen. Er trägt jetzt eine lederne, großzügig geschnittene Vatijacke über dem Freizeitanzug, eine Sonnenbrille mit Goldrand und wedelt mit dem Autoschlüssel.
»Wir nehmen meinen Wagen!« sagt er in einer so überzeugenden James Bond-Stimme, dass wir ihm auch glatt hinterher zu Garage dackeln. Das heißt, nachdem ich die dramatisch zeternde Frau Stiehl von mir aboperiert habe.
Nachdem ich Herrn Stiehl aus der Garage gewunken habe, dürfen wir einsteigen. Ich darf vorne sitzen, Katja auf der Rückband. Herr Stiehl schnallt sich an, lässt die Reifen durchdrehen und braust die 20 Meter bis zur Einfahrt, schnallt sich ab, steigt aus, um das Tor zu öffnen, steigt wieder ein, schnallt sich an, um ebenso hektisch die nächsten fünf Meter zurück zu legen, sich abzuschnallen, wieder auszusteigen, um das Tor zu schließen und wieder einzusteigen, sich abermals anzuschnallen, den Blinker zu setzen und loszufahren. Das ganze Geruckel fördert meine alkoholbedingte Übelkeit. Ich schaue kurz zurück zur Terasse, wo Frau Stiehl in ihren Puschelpantoffeln steht:
»Bringt mir meinen Jungen zurück!« weint sie uns hinterher und hebt flehend
die Hände.




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: