Archiv für Mai 2015

Zahnlose Vögel singen von Freibier…

Gestern fühlte ich mich in vergangene Zeiten zurückversetzt. Ich sah einen jungen Menschen, den eine Textilie bedeckte, auf der, der offenbar unverwüstliche, Klassiker unter den linksalternativen Sprüchen prangte: (*Tusch*) „Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen…“
„…aber auch nicht selten auf die Fresse“, ergänzte ich insgeheim und gefiel mir für ein paar Momente in dieser abgeklärten Rolle. Doch nahm mich dieser unverhoffte Blickfang mit auf eine innere kleine Reise in die Vergangenheit. Irgendwann am 1.Mai in Kreuzberg, schon weit nach 18 Uhr. Die Revolution beschränkte sich mal wieder auf das vereinzelte Entflammen von Abfallbehältern.
Ein vollbesetzter Mannschaftswagen schob sich langsam durch die Adalbertstraße, am Rand standen überall kleine Pulks von Leuten mit Bier und glotzten. Von einer sich abzeichnenden Konfrontation nichts zu sehen. Es würde wohl „nichts abgehen“. Doch plötzlich stolperte ein angetrunkener junger Mann auf die Fahrbahn, stellte sich der Bullenwanne in den Weg, riss die Arme nach oben und schnaubte. Wie er da so stand: Bunter Iro, BW-Hose, kniehohe Boots, Kapuzenpulli und Nietengürtel und als Umhang eine Che Guevara-Fahne, die an seinen schmalen Schultern befestigt, stolz im lauen Abend wehte. Der Mannschaftswagen kam ruckelnd zum Stehen. Und da standen sie sich gegenüber. Super-Che und eine Kiste Bullen. Wird es jetzt zum Showdown kommen? Die Bierdose, an der ich mich schon seit geraumer Zeit festhielt, knackte vor Anspannung, als es aus dem Lautsprecher knarzte, dass die Person „die Fahrbahn räumen“ solle.
Mir stockte der Atem. Jetzt ist ER an der Reihe! Was wird er tun? Gleich wird er mit fester Stimme brüllen: NEIN!!! NIEMALS!!! Dann wird er finster dreinblickend auf die Büttel des Staates zugehen, die grüne Minna mit einer Hand in die Luft heben und unter einem pfeifenden Geräusch bis nach Hellersdorf schleudern. „Gute Reise, Jungs“, ruft er und holt ein Erfrischungstuch aus seiner Gürteltasche, um sich die Hände abzuwischen. Unter dem Applaus der Anwesenden verneigt er sich höflich in alle Richtungen, richtet sich dann ganz auf, reckt die rechte Faust und stößt sich nach oben ab. In der Höhe von vielleicht vier Metern dreht er zunächst eine schnwindelerregende Pirouette, schießt dann aber steil gen Himmelszelt und durchbricht in rasender Geschwindigkeit die dunkle Wolkenfront.
Die Sonne scheint auf einmal durch das Loch, dass Super-Che hinterlassen hat und Noten rieseln sanft herab, auf die verwunderten Menschen, die ungläubig nach oben schaun. Denn dort ist einiges los. Eine Herde Einhörner fliegt stolz lachend in Richtung Schöneberg. Orchestermusik dringt vom Himmel, phantastischer Regenbogen spannt sich über die Trasse der U1.
Oh Gott! Ist es jetzt etwa soweit??? Und was ist das für eine betörende Melodei, die da ertönt?
„Genosse, das ist…das ist doch die INTERNATIONALE!“ sagt jemand und rüttelt seinem Nebenmann an der Schulter.
„Nein, das klingt doch eher wie die Titelmelodie von der „Tagesschau“, sagt dieser darauf.
„Ach, INTERNATIONALE, „Tagesschau“-ist doch egal…lass uns tanzen gehen!“ und macht sich im Turbogalopp auf die Fahrbahn, wo sich schon alle gegenseitig an die Hände genommen haben…

Doch so war es nicht, denn mein Tagtraum wurde jäh unterbrochen durch Herrn D, meinem Begleiter: „Lass mal noch n Bier holen und langsam los.“ Herr D.-der Rost am Schwert der Revolution und Reformerschwein. Ich sage aber (TROTZ ALLEDEM!): „Ok“
Was soll man sonst auch trinken bis der Umsturz kommt.




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: