Helden des Alltags ODER Die BVG hat wieder zugeschnappt

Letztens saß ich im ersten Waggon der U-Bahn Linie U1, als am Bahnhof Prinzenstraße eine junge Frau nach dem Erklingen des Warnsignals noch durch die Tür schlüpfen wollte. Die Tür war leider schneller, nur ihr Knie schaffte es in die Bahn und steckte in der Tür, während der andere Teil des Frolleins noch auf dem Bahnsteig verblieb und zunächst vergeblich versuchte die Tür aufzuschieben. Der Fahrer musste dies bemerkt haben, denn er pöbelte durch sein Sprechanlage: „Wat wird n ditte???“
Darauf beschränkte sich allerdings seine Intervention. Die Frau blieb weiter eingeklemmt. Ich hatte mich mittlerweile in mein unsichtbares Superman-Kostüm gezwängt und eilte ihr zu Hilfe, indem ich schnaufend die Tür aufdrückte, dass sie in die Bahn springen könnte. Dabei klemmte ich mir die Pfoten in der zuschnappenden Tür ein, konnte sie aber noch herausziehen. Die anderen Fahrgäste übten sich im üblichen Wegsehen, nur ein alter Mann mit Krücke sah die Frau strafend an und knarrte: „Dafür habe ich kein Verständnis!“
Die U-Bahn fuhr los. Zwei Stationen später wollten Musikanten einsteigen. Aus der Sprechanlage grölte es: „Mit der Musik kommse nich rein!!!“ Die Musikanten mussten draußen bleiben.
Am Kottbusser Tor torkelte eine Gruppe stockbesoffener und kahlrasierter Russen mit einem völlig verfetteten Pittbull im Schlepptau. Die Hackfressen grölten herum und beschimpften sich und andere Fahrgäste. Ich drückte mich etwas tiefer in meine Sitzgelegenheit, rieb mir die schmerzenden Finger und versuchte nicht wie ein Opfer auszusehen. Alles schwieg. Auch die Sprechanlage blieb stumm.
Gleichzeitig stieg aber die Wut auf den Fahrer in mir hoch und ich begann ihn innerlich zu beschimpfen:
„…verflixter Cretin, U-Bahnfahreraff, Schweineigel, klappernder Kackstift, Arschkrampe, häßlicher Wicht und fahrender Stotterhans…ich hau dir den Nüschel krumm, zieh dir die Beine lang und scheiß dir in den Zug…verfluchter …ich werd dir…aaaaahhhh…Faschistenvieh…“
Ja, so kochte es in mir und als ich Endstation Warschauerstraße ausstieg, schloss der Fahrer gerade sein Führerhäuschen ab. Ich bläkte ihn in ortsüblicher Manier an und wollte von ihm wissen, warum er die Frau in der Tür stecken gelassen hatte. Der Uniformierte wirkte überrumpelt, riss erschrocken die Schweinsäuglein auf und rechtfertigte sich kläglich mit Verweisen auf diverse Vorschriften, was mich noch rasender machte. Ich weiß nicht mehr, was ich wortwörtlich übermittelte*, aber der Geifer spritzte regelrecht über den ganzen Bahnhof, während ich wetterte und die Leute drehten sich um. (*Ich sagte jedenfalls NICHT: „Ich weiß, wo deine U-Bahn steht, du Opfer“)
Ich brach den Angriff dann abrupt ab und trollte mich, denn lernfähig wirkte der Typ nicht. Solche Leute schlägt man mit ihren eigenen Waffen. Später musste ich mir wegen dieser Erkenntnis noch folgende Phantasie-Bilder aus dem Kopf jagen:
Der U-Bahnfahrer wird in die Tür und ich hinters Steuer der Bahn geklemmt und wir machen eine kleine „Sonderfahrt“ durch Kreuzberg bis zum Ku-damm. Ich bin äußerst ausgelassen und gröle durch die Sprechanlage: „Das ist die Berliner Luftluftluft…“ Muss immer wieder wahnsinnig doll lachen. Unterwegs sammle ich alle Straßen-Musiker ein, sie dürfen alle vorn bei mir mitfahren dafür müssen sie aber meinen Gesang begleiten…
Ja, träumen kann so schön sein.

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