Archiv für September 2012

Mein Leben als Künstler

Jetzt wollen sie meine neueste Arbeit-den „Günther“- ausstellen. Bitteschön! Das dieser Acrylpimmel den Großstadtdschungel zum Rascheln bringt, überrascht mich kaum. Der Telespargel als phallisches Zentrum einer ständig überregten Metropole konditioniert gerade die Zugezogenen ungemein. Ich gebe zu, diesen Umstand habe ich in „Günther“, diesem Paradestück postrealsozialistischer Konzeptkunst, zureichend einkalkuliert. Aber pardon…Ich verplaudere mich: Heute abend ist jedenfalls Vernisage- organisiert von bohémen Bolles und faltfreudigen Fritzen aus der lumpenproletarischen Kunstszene. Die Gallerie ist mir ein Begriff und immerhin so wichtig, dass die Kleiderwahl, die gebührende Zeit zugestanden bekommt. Fliederhemd, Sakko, Seidenschal und Jogginghose sollten als Basics genügen. Ich kämme mir die Haare nach hinten und dann schnell wieder nach vorn, denn die freiwerdenden Geheimratsecken nehmen meiner Gesamterscheinung irgendwie die Spannkraft. Das ist unangenehm, folgt keinem ironischen Kleidungsstil, sondern lediglich der Logik des körperlichen Zerfalls.
Ich werde jedenfalls nachher viel später als angekündigt in die Gallerie schweben und dort wie immer etwas affektiert herum tucken und viel und laut lachen, wie immer, wenn ich auf Sekt bin und mich auf meiner Bühne wähne. Ja, der rauhe Gallerieboden ist meine Bühne.
Wenn ich jemanden rätselnd vor meinem Bild stehen sehe, werde ich von hinten herantreten, mich räuspern und mit ruhiger und sonorer Stimme sprechen:

« L‘être humain n‘est pas différent de son projet, il n‘existe que dans la mesure où elle se déroule. -Der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf; er existiert nur in dem Maße, als er sich entfaltet….Ja, Sartres Aphorismen waren doch auf so eine bestechende Art so unterkomplex aber gleichzeitig so unglaublich treffend…VERZEIHEN SIE, aber ich habe mich noch nicht vorgestellt
Rakete mein Name, ich bin der Schöpfer dieses Werkes…. »

Dann werde ich ungefragt lang und breit mein Bild erklären, auch wenn die Person bald von einem Bein auf das andere tritt, unsicher umherblickt und Fluchtmöglichkeiten erschließt. Dann werde ich plötzlich schweigen und betroffen in mein leeres Sektglas gucken. Sollte dann die Person, die Lippen öffnen, um ebenfalls zu sprechen, werde ich meinen Zeigefinger…nein, alle Finger meinen Rechten nachdrücklich auf die fremden Lippen pressen und sagen:

«Sccchhhhhhhhhhh…… S‘il vous plaît ne faites pas! Zerreißen sie nicht die Aura, diesen einzigartigen Moment, das Knistern, welches zwischen Werk und uns als Betrachter wabert.- Was schauen sie so? Sie dachten doch nicht etwa…Hören sie, ich bin festen Händen…und…und…und: Gegessen wird immer noch zu Hause!!! Wo wollen sie hin?-SCHEIßE!“

Mein Sektglas zerschellt dann auf dem Boden. Scharlatane! Überall! Ich reibe mir die Schläfen. Alles schaut zu mir. Was stieren die alle so-diese Neandertaler, werde ich schnaufen. Der Schaum tropft mir aus dem Maul. Ich reiße mein Bild von der Wand und stolpere raus auf die Straße. Da hinten blinkt der Fernsehturm, mein alter Kumpel zentriert mich im nu. Thanx-big pendel. Kann man sich drauf verlassen. Der Mensch dagegen: Nichts als ein Entwurf




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