Archiv für Juni 2012

EM 2012 – Das brechende Brechmittel

Das schöne an der EM ist ja, wenn ein Spiel mit den Deutschen läuft, sind die relativ gastronomiefreien Stadtbereiche schön leer. Nur leichtes Gewaber der Spielübertragung aus den Fenstern und hier und da ein „Orrrrr…“, wenn einer der Elf wieder mal was versemmelt. Da stehst du dann draußen im lauen Abendwind, schaust zum sanft blinkenden Fernsehturm herüber und da zerreißt es plötzlich die Stille: Grölen, Jauchzen, Schreien, Brummen. Aus allen Richtungen. Hupen, Pfeifen, Rasseln, Knattern. Raketen steigen auf, Böller und Kanonenschläge.
Hat BRD die EM 2012 gewonnen??? Nein, ein Tor wurde geschossen. Offenbar ein Grund durchzudrehn. Da stürzen schon die ersten aus der Eckkneipe, tanzen grölend auf einem Bein, spielen fipsig aneinander herum.
Für mich heißt es fliehen. Schnell in die Hinterhofbutze. Fernseher an. Und dann gewinnt Schwarzrotgold. Schweini macht sich nackig. Schnell wegschalten.
Draußen formiert sich die patriotische Raserei. Hupende Autokorsos, der Mob liegt sich in den Armen, lallt die Nationalhymne, schlägt sich zwischendurch zum Pissen in die Büsche oder lässt gleich unter sich und signalisiert verstärkt Paarungsbereitschaft. Da wird mir schlecht.
Aber auch wieder witzig, wie sich die personifizierten Brechmittel von Fancliquen in der U-Bahn selbst auf die Trikots kotzen. (Is this Dialektik, Mr. Spock?)
Das stinkende WIR zerfällt nach und nach wieder in seine jämmerlichen Einzelteile, torkelt nach Hause und ich mag mir kaum ausmalen, was droht, wenn DIE wirklich gewinnen.

Rasieren gegen Deutschland (dem Land der Außenspiegelpräservative)

Die EM ist noch etliche Tage hin, aber das hält zahlreiche Schlandsleute nicht davon ab, jetzt schon ihrer widerwärtigen Beflaggungssucht zu folgen. Weit weg wünsche ich mich vor Schamgefühl, wenn ich jemanden dabei beobachten muss, wie er seine Außenspiegelpräservative anbringt. Diese schwarzrotgoldenen Überzüge sollen wohl vor der deutschen Niederlage schützen. Ich weiß es wirklich nicht.
Sehen wir es als Zeichen dafür, wie bekloppt die Leute hierzulande sind. Und das ist auch die Voraussetzung für Kampagnen wie: Dein Bart für Deutschland!
Rasierermanufaktur Philips ruft Deutschlands Männer dazu auf, ihre Bärte wachsen zu lassen, „solange unsere Jungs im Spiel sind“.
Land der Ideen.
„Zeig allen, dass du hinter unserer Mannschaft stehst! Lass deinen Bart wachsen, führe dein eigenes Bart-Tagebuch und gewinne mit etwas Glück zwei Tickets zur EM-Final-Party mit Jürgen Klopp.“
erklärt Philips im Netz.
Bart-Tagebuch! Was soll da drin stehen? Vielleicht: 22.6. Liebes Barttagebuch, es juckt, aber der Sieg steht vor der Tür. Musste mich auf Arbeit wieder auf Essensreste im Bart hinweisen lassen. Bin errötet, weil die Sekretärin vom Chef gelacht hat…

Na denn, lasst mal wachsen. Es wird nicht wenige geben, die dieser Einladung männerbündischer Kegelbrüderei nicht widerstehen können und sich einig sind, dass Kicken immer noch Männersache ist.
Steht nun ein Wandel deutsche Fankultur bevor? Sehen die Fans bald aus wie besoffene Salafisten?
Gelten eigentlich auch Oberlippenbärte? Fragen die nicht beantwortet werden müssen. Ich werde mich täglich pedantisch rasieren bis die rausfliegen und in ihre dreifarbigen Jammerlappen heulen. Dann lasse ich mich wieder gehen.




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