Archiv für Januar 2012

Ein Tag mit Lance-Es lebe der König

Jetzt is Lance weder weg. Ein hin und Her ist das hier! Da! Weg! Da! Weg! Da… und so weiter. Alles beliebig und ohne roten Faden. Absurd -ein Leben aus der Tonne. Aber es ist alles wahr!!! Es ist alles genau so passiert, wie ich es hier beschreibe. Ich bin ein der Wahrheit verpflichteter Chronist sogenannter Realität. Wer die klassische Struktur eines Dramas erwartet, der soll ins Kino gehen. DAS ist das nackte Leben. DAS passiert alles offline! DAS ist chaotisch und sinnfrei. Alles andere ist doch nur konstruiert.

„Ich kenne die Insel wie meine Westentasche. Wir finden deine Leute!“ sagt Jürgen und schaltet einen Gang höher. Sein für sein Alter noch sehr volles Haar weht im salzigen Meereswind. Manchmal schlägt das Leben solche Kapriolen, dass ich es kaum wahrhaben will. Ich und Jürgen Drews im Cabrio-so wie Vater und Sohn, Batman und Robin oder Johnny Cash und Joe Strummer…

Nachdem ich am Flughafen wieder zu Bewußtsein kam, war der Transporter inklusive Lance, seinen Eltern und den offensichtlich mafiösen Filmleuten weg. Dafür stand an der Stelle ein schnittiger offener Sportwagen aus dem ein Mann stieg, um mir aufzuhelfen. Es war wirklich kein Geringerer als Jürgen Drews, der mir Wasser gab und dem ich, noch völlig neben der Spur, den Hergang erklärte. Und Jürgen beschloss mir zu helfen. Einige Minuten später saß ich neben ihm und wir schossen in Höchstgeschwindigkeit über die Insel.

„Weißt du, ich fand die Achtziger schon unmöglich mit dem ganzen Atomkraft- und Bombenwahnsin, dem kalten Krieg. Aber heute ist alles noch viel schlimmer!“ sinniert Jürgen, als wir fast auf einen Berggipfel sind von dem wir das türkise Meer funkeln sehen können.
„Ja, früher war alles besser“ bemerke ich lakonisch und betaste meine Beule.
„Nein, wo die Medienbranche früher ein Zylinder tragender Vielfrass war, ist sie heute ein neunköpfiges nimmersattes Monster, dass alles schluckt und ausgebrannt in den Asphalt spuckt, während ihr kulturindustrieller Schmerbauch daran wächst und wächst und den Überschuß als übelriechende Winde in den Äther bläht. Als ganzer Mensch kommst du nach so vielen Jahren nicht mehr raus. Diese Blutsauger…“
Jürgen hat sich in Rage geredet, dass die Halsader schwillt und krallt sich ans Lenkrad. Seine Erregung überträgt sich auf sein Cabrio, dass nun wütend knurrt.
Er redet wie so ein 68er und irgendwie sieht er ja auch so aus. Auf einmal wird mir klar, dass man auch in der Hülle des Schlagerstars den Marsch durch die Insitutionen bewältigen kann, um dieses System von innen zu ändern. Ich habe Drews nun verstanden. Als wir den Berg auf seiner vollen Höhe erreicht haben, sage ich zum Trost, weil mir nichts beseres einfällt:
„Aber du bist doch immer noch der König von Mallorca!“
Jürgen sagt erstmal nichts und ich befürchte, dass ich vielleicht etwas falsches gesagt haben könnte. Sicher möchte er nicht immer nur auf die Königsnummer reduziert werden. Doch dann antwortet er mit fester Stimme:
„Ja, ich bin der König und deswegen werde ich nicht zulassen, dass diese Leute mit ihren wahnwitzigen Unterhaltungsideen hier weiter meine Insel terrorisieren.“
Er stellt den Motor ab, stößt einen gellenden Schrei aus und dann wir rollen mit Hochgeschwindigkeit den Berg hinunter in die Ortschaft, die wie ein Juwel im Tal ruht.
In der Ortschaft halten wir an einem Laden, der trotz Siesta offen hat. Vor der Tür räkelt sich ein alter Hund, der aber keine Notiz von uns nimmt. Jürgen hupt ein paar mal, bis ein alter sonnengebräunter Spanier im Feinriphemd durch die Tür tritt, fast über den Hund stolpert, den er mit einem Tritt davonjagt. Jürgen springt ohne die Tür zu öffnen aus dem Wagen und geht auf den Mann zu und begrüßt ihn gebührend. Die beiden wechseln ein paar Worte. Jürgen spricht nicht nur perfekt spanisch, sondern er beherrscht auch noch die wichtigsten Gesten, die er meisterhaft in seine Sätze einwebt. Der Alte zuckt zunächst nur unwissend mit den Schultern, doch dann hält er inne, reibt sich das Kinn und zeigt nach Süden.

Ein Tag mit Lance-Francescos Faust

Lance ist wieder da. Doch wer sind all die anderen Leute da. Was wollen die? Was wird sich hier auf Malle noch zutragen? Ich werde es hier im fett gedruckten Bereich nicht preisgeben. Weiter unten im Text…Ja, genau da. Fiesta!

Frau Stiehl stößt einen Schrei aus, stürzt auf ihren Sohn zu und drückt ihn schluchzend an ihre Brust. Versunken in Mutters Fleisch hört man Lancies dumpfe und unverständliche Stimme. Nur widerwillig entlässt sie ihn, zerzaust wie ein Frühchen, aus ihren üppigen Fängen.
Dann folgt eine hölzerne Umarmung mit dem Vater. Als Lance fragend auf des Vaters zerkloppte Nase zeigt, winkt dieser ab. Durch mich schaut Lance einfach durch, als wäre ich garnicht da.
Dann winkt er das dralle Mädchen heran.
„Mutter! Vater!“ sagt Lance feierlich. „Darf ich euch meine zukünftige Frau vorstellen-Jasmin!“
Sie gibt den Parentalen artig die Hand und vollführt einen leichten Knicks.
Denen hat es die Sprache verschlagen und sie gaffen mit offenem Mund abwechselnd zwischen Lance und Jasmin hin und her.
Da verliert Jasmin auf einmal die Nerven und Tränen schießen ihr aus den Augen. Sie dreht sich um und wetzt plärrend davon.
„Jasmin! Warte!“ ruft Lance, doch die Holde stellt die Flucht nicht ein. Das schmatzende Geräusch ihrer Badelatschen auf dem Flughafenboden ruft ein jüngeres Trauma in mir wach. Dann stürzt Lance ihr hinterher, der Typ mit der Kamera hängt sich unter den Antreibungen des Seidenschals ran.
Das Ehepar Stiehl und ich kommen mit dem ganzen Gepäck nur schwerlich hinterher. Wir verlieren sie im Getümmel des Airports.
Vor dem Flughafen finden wir sie vor einem weißen Transporter stehend. Jasmin, deren Kopf vom Rennen puterrot angeluafen ist, redet wild gestikulierend auf Lance ein. Als wir heran treten, legt der Seidenschal den Finger auf den Mund .
„Lance, Ich habe das Gefühl, dass deine Eltern mich überhaupt nicht mögen!“ quengelt Jasmin. Ihre kleinen Augen sind ganz rotgeweint.
„Nein, das ist nicht wahr! Gib ihnen doch erst mal die Chance dich kenne zu lernen! Ich…“
„Stop! Stop!Stop!“ ruft der Seidenschal tuckig dazwischen, der Kameramann lässt die Kamera sinken.
„Ein bischen mehr Leidenschaft, wenn ich bitten darf. Du bist zu monoton, Jens!“
„Lance! Ich heiße Lance!“ wirft Lance kleinlaut ein.
„Ja, Lance, von mir aus …Aber versuche etwas emotionaler zu sein. Hebe vielleicht beschwörend die Arme, wenn du sprichst!- Gut, Szene 12 Jasmin/ Lance vorm Airport, ab Jasmin! Kamera ab“
Mandy legt nochmal los:
„Ich habe das Gefühl, dass deine Eltern mich überhaupt nich mögen!“
„Nein…es ist nicht wahr…ich…ich…!“ Lance verhaspelt sich und stammelt wirr daher.
Der Seidenschal diktiert aus einem Hefter:
„NEIN, ES IST NICHT WAHR; GIB IHNEN DOCH ERST MAL DIE CHANCE DICH KENNEN ZU LERNEN!!! Was ist an diesem Satz so schwer??“
„Nichts, ich habe…“
„Und warum schaffst du es nicht diesen einfachen Satz zu sagen?“
Ich merke, dass es Zeit wird, zu intervenieren. Deshalb schiebe ich mich zwischen Seidenschal und Lance und sage:
„So jetzt reicht es! Was läuft hier?“
„Würden sie die Güte haben, sich vom Set zu entfernen!“ sagt der Seidenschal unbeeindruckt.
„Du hältst mal für´n Augenblick die Fresse“ sage ich zu ihm und hebe drohend den Zeigefinger.
„Entfernen Sie sich SOFORT vom Set, sonst…“ spricht der Seidenschal nun leicht gereizt.
„Sonst was? Wilst DU mir drohen, du Seidenidiot.“
Ich lache schallend. Den Penner schnips ich doch mit einem Lächeln in den nächsten Gulli.
„Nun gut! FRANCESCO!“ ruft der Seidenschal zum Transporter, aus dem sich darauf ein riesiges Muskelpaket zwängt und sich stramm vor Seidenschal aufbaut.
„Si, Senor!“ grunzt es aus dem Glatzkopf.
„Begleite doch diesen jungen Mann vom Set!“
DerMuskelberg bewegt sich langsam auf mich zu. Seine Haut ist braun gebrannt, das Gesicht von all der trainingsbedingten Pressatmung faltig und verbissen, Goldkette und dämliches Oberamtattoo schmücken den aufgepumpten Bolle. Und dann hat er mich auch schon am Genick und wirft mich mehrere Meter weiter auf den heißen Asphalt. Er bleibt vor mir mit verschränten Armen stehen und lässt mich nicht mehr vorbei. Meine wutschnaubenden Worte prallen an ihm ab, ich versuche Passanten heranzuziehen, doch keiner möchte mir helfen.
Lance, seine Eltern, Jasmin, Seidenschal und der Typ mit der Kamera steigen in den Transporter. Ich schreie los und Frau Stiehl schaut unsicher zu mir rüber, wird aber vom Seidenschal energisch in das Fahrzeug geschoben. Francesco drückt mir seine riesige Tatze ins Gesicht. Sie stinkt nach Ringelblumensalbe.
Als alle eingestiegen sind und der Transporter startet, lässt er von mir ab.
“Vete a la mierda! Hijo de puta!” rufe ich dummerweise hinterher, denn das veranlasst ihn nochmal zu mir zurück zu kehren. Sein Gesicht verrät, dass ich mit diesem einzigen spanischen Satz, den ich beherrsche, sein südländisches Blut in Wallung gebracht habe.
“Cierra el pico!” knurrt er. Dann seine Faust. Dunkelheit.




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