Archiv für Juni 2011

„Unterm Strand liegt auch nur Sand“ EINS

Intro

Ihren Blicken kann ich es schon ansehen! Sie verstehen nicht was ich für ein Typ bin, der in einer blauen Wetterjacke mit der Greifzange durch den Park latscht und Unrat aufsammelt und dabei laut Faust zitiere. Wie sie da so stehen in ihrem teuren Zweireiher und ihrer feinen Dame, die sich bei ihnen eingehakt hat. Ihnen brennen Fragen im Leib. Kommen sie ruhig näher! Ja, kommen sie nur! Ich beiße nicht. Ich möchte ihr blumiges Parfum riechen und wenigstens einen Hauch von Luxus in meine Nase ziehen lassen.
Gerne nehme ich einen Pfefferminz aus ihrer silbernen Bonbondose. Danke, mein Herr! Ja, es ist ein schöner Tag und alles blüht und der kurze Regen hat die Luft feinst gewürzt. Wenn nur diese Gott verdammten Rückenschmerzen nicht wären und dieser verschleppte Husten.
Was ich verdiene? Sie wollen wissen was ich verdiene???EinEurozwanzig pro Stunde! Tja, da gucken sie!
Nun, sie können den Mund langsam wieder schließen. Ich habe jetzt lange genug ihr fürstlich saniertes Gebiss bestaunt. Sie fragen mich jetzt stockend, wie das möglich sei. Wie ein Mensch im 21. Jahrhundert, solch einem schäbigen und lächerlich entlohnten Tagewerk nachgeht.
Ja, das möchten sie wissen. In ihren feinen Villen und ihren edlen Anwesen, den rauschenden Festen und schmucken Bällen, bleiben Realitäten wie meine unzugänglich.
Sie trinken Champagner, ich esse Sardinen. Sie fahren Mercedes, ich Bus. Sie sind gekleidet wie ein König und ich wie ein Bettelmann. Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch?
Sie sagen, ich solle sie nicht falsch verstehen, aber ich sei doch jung und das ganze Leben liege doch noch vor mir.
Ich breche in in rauhes Gelächter aus, dass mich krampf artig schüttelt und erst durch einen schweren Hustenanfall erstickt wird!
Ich wische mir die Tränen aus dem schmutzigen Gesicht und bedanke mich für diese Erheiterung, denn einer der vor zehn Jahren angefangen hat Germanistik zu studieren, hat heute selten etwas zu lachen.
Sie und ihre Frau sehen jetzt leicht zerrüttet aus. Sie verstehen die Welt nicht und das wird ihnen jetzt bewusst. Ihre Blicke flehen nach einer Erklärung. Wie hat das Schicksal mich hierher in die Sklavenkaravane des Jobcenters getrieben? Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Ein Schwarm Vögel flattert auf und verschwindet in der dichten Krone einer Kastanie. Ich zeige auf sie und zitiere aus Faust:
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt, Des Vogels Fittig werd‘ ich nie beneiden. Wie anders tragen uns die Geistesfreuden, Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Dann beginne ich zu erzählen.

Kapitel Eins

Nun, es begann alles vor etwa einem halben Jahr. Das Leben beschloss, es nicht mehr gut mit mir zu meinen und so fand ich mich bald in einem tüchtigen Schlamassel wieder. Nach neunzehn Semestern Germanistik, wurde ich exmatrikuliert. Das war mir einerseits recht, da ich unter den Komillitonen schon so etwas wie ein Senior war und wenn ich dann mal ein Seminar betrat, hielt man mich das ein oder andere Mal für den Dozenten, was meine grundsätzliche Schwellenangst nicht minderte. Andererseits war ich mit dem Mensaessen und den ganzen Vergünstigungen, die ein Studierender so genoss, sehr zufrieden.
Ich wurde Kunde im Jobcenter und von da an wehte ein anderer Wind. Man verlangte, dass ich mir einen Job suchen solle, versuchte mich mit kiloweise Formularen zu brechen und ließ mich regelmäßig antanzen. Und was soll ich erzählen? Ich begab mich in die Spur, aber keiner wollte mich. Ich konnte ja selbst nicht erzählen, warum man gerade mich nehmen sollte. Ich fand nach langer Suche einen Job als Sandwich creator bei einer Fastfoodkette, aber der militärische Drill unter dem man dort Brote zu belegen hatte, kollidierte mit meinem Hang zu Tagträumerei und man feuerte mich unter empörtem Gebell.
Dann lief mir auch meine Freundin weg und auch meine Katze verschwand von heute auf morgen. Sämtliche Haushaltsgeräte gaben den Geist auf und auf meiner gut gelichteten rund dreißigjährigen Kopfhaut begann ein seltsames Ekzem zu wachsen. Ich verfiel zu Recht in eine Depression und suchte sie lethargisch auszusitzen.
Dann kam der Tag, an dem sich alles änderte. Ich kam gerade vom Amt, ermattet von den Einpeitschungen meiner Sachbearbeiterin Susanne Albrecht, einer in Bestimmungen und Anweisungen vernarrte Bürotante, die ihre Beratungen über meine berufliche Zukunft grundsätzlich mit dem drohenden Zeigefinger dirigierte, und stolperte über ein aufgeschlagenes Buch in meinem Zimmer. Es musste aus dem Regal gefallen sein. Seltsam! Ich hob das Buch behutsam auf. Es war Faust! Ich las die ersten Zeilen der aufgeschlagenen Seite:

Weh! steck‘ ich in dem Kerker noch? Verfluchtes dumpfes Mauerloch, Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemahlte Scheiben bricht!

Goethe! Durch ihn habe ich immer einen Ausdruck für alles gefunden. Doch wer erlöst mich aus diesem Mauerloch, dachte ich noch, da klingelt das Telefon und mein alter Freund Käptn Hörbie bot mir einen Job an. Schwarz versteht sich. Auf einem mehrtägigen Segeltörn unter Deck soll ich Getränke ausschenken. Obwohl alles was mit Hörbie zu tun hat, bisher immer einen Haken hatte, willigte ich ein und ein paar Tage später machte ich mich auf an die Küste.




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