Archiv für Mai 2011

Baumblüte 2011 – Impressionen

In Werder feiert man die naturgemäße Baumblüte zünftig mit einem großen Besäufnis. Da wird gepichelt, gekotzt und gerauft. Tradition eben. Der kleinbürgerliche Rummelpöbel unter sich. Leider geriet ich in eine Bahn, die mit diesen tiefer gelegten Freizeitidioten im Abtransport begriffen war. Beim Einsteigen schlug mir schon der vergorene Gestank der regionalen Fruchtplörre entgegen. Obstwein aus Werder riecht schon aus der Flasche wie Kotze, dass weiß ich genau, nur der Ketchup ist tolerierbar.
Die 30min bis Berlin waren die Hölle. Es war voll wie in einer U-Bahn in Tokio, die Sonne böllerte und die Baumblütenschnapsjunkies drückten ihre Freude über sich und die Beförderung mit lautem Gegröle, Gestampfe und Gegrunze aus. Ich dagegen hing an einer Stange und zählte die Minuten, während sich ständig jemand an mir vorbeidrückte, zwei Kinder auf engstem Raum mit meinem ebenso angenervten Hund zu tollen versuchten, an meiner Tasche zerrten und mich mit unzähligen zersetzenden Fragen konfrontierten. Bei jeder Station dachte ich an Flucht, dazwischen an Amoklauf.
Am Zoo drängte eine erste Baumblütepolonaise unter den üblichen Herrenmenschengesängen aus der Regio. Bunte Hüte trugen sie und Lametta an den Gliedern. Verschmolzen zu hirnloser Masse, aufgehoben im hohlen Wir mit dicken Eiern stolperten sie über den Bahnsteig und nervten auf höchster Ebene. Ich schloss die Augen und versuchte an etwas Schönes zu denken, was mir aber nicht gelang. Soweit bin ich wohl noch nicht.

Ein Tag mit Lance- Des Wahnsinns fette Beute

Da die Revolution gestern doch nicht statt fand, geht es heute mit Lance weiter. Wir wissen immer noch nicht, wo er ist. Aber heute kommt es raus! Tip: Wer diesen Teil von hinten liest, spart sich etwas Zeit!

Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich die Bullen rufen. Eins…eins…null. Da kommen sie auch schon mit zwei blauen Funkstreifen über den Rollsplit geknirscht. Als dann auch noch der Notarzt eintrifft, ist es wieder voll auf dem alten Spielplatz. Zwei Beamte nehmen sich Herrn Stiehl vor, zwei Rettungskräfte versorgen seine Nase. Die anderen beiden Cops kümmern sich um mich. Sie verlangen nach meinen Personalien. Ich gebe ihnen meinen ramponierten Ausweis, den sie mit spitzen Fingern überprüfen und dann soll ich den Vorfall schildern. Ich berichte knapp, wie uns die Jugendlichen fertig gemacht hatten.
„Was wollten sie denn auf dem Spielplatz?“ fragt mich der Eine.
Nun bleibt mir nichts weiter übrig als die ganze Geschichte zu erzählen. Abgeschwächt natürlich. Ich rede eine ganze Weile und der eine Bulle hört irgendwann auf, sich Notizen zu machen. Sie gucken sich um, kratzen sich die Köpfe – jeder seinen eigenen, versteht sich – und als mein Bericht zur Neige gegangen ist, soll ich einen Alkoholtest machen. Ich weigere mich und verklage in meiner Rage lauthals das ganze Schweinesystem. Zwei Kinder mit Rollern stehen in sicherer Entfernung und halten Maulaffeinfeil.

Die Cops werden nun ungemütlich und drängen verstärkt darauf, dass ich die von ihnen geforderte Maßnahme über mich ergehen lasse. Ich gebe auf und puste. Der gemessene Wert, scheint mich als Bürger nun völlig zu entmündigen. Sie geben mir angewidert meinen Ausweis zurück und versichern mir, sich um die Sache zu verkümmern. Sie reden mit mir wie mit einem geistig Schwachen, einem wirr daher redenden Kauz, der aber ansonsten harmlos ist.
Das beanstande ich laut, berufe mich auf das Grundgesetz und fordere von den Beamten, dass sie ihrer Aufgabe mit mehr Redlichkeit nachgehen. Darauf hin erhalte ich einen Platzverweis. Einen Spielplatzverweis, besser gesagt und sollte ich dem nicht SOFORT nachkommen, dann geht’s auf die Wache, droht mir der eine Bulle und klappert demonstrativ mit den Handschellen. Der andere hingegen lacht sich ins Fäustchen, weil nun auch er die ungewollte Satire mit dem Platzverweis kapiert hat.
Ich trolle mich murrend und stehe neben den beiden Kindern mit den Rollern, die zu mir hoch gaffen. In ihnen brennen tausend Fragen. Das spüre ich. Das eine Kind fasst sich schließlich ein Herz und fragt vorsichtig, was da passiert sei und warum der alte Mann da blutet. Ich beuge mich leicht hinunter und sage:
„Die Polizei hat den armen Mann ganz doll gehauen!“
Das Kind schaut mich mit offenem Mund an. Es ist ein leichtgläubiges Wesen. Kein Zweifel steht ihm im Gesicht.

„Und warum hat die Polizei den gehauen!“ fragt es vorsichtig nach.
„Das weiß ich leider nicht “ sage ich und schüttle müde mein Haupt.
„Ist der Mann böse? fragt es, nachdem es eine Weile nachdenklich an seinen Schaumstofflenkergriffen gepult hat.
„Nein, ich glaube die Polizei ist böse!“ sage ich.
Ich bin in meinen Urteilen über die Exekutive wirklich etwas befangen in diesem Moment.
Die Stimmung ist nun wirklich bedrückend. Das andere Kind schaut auch recht betroffen und jetzt tun sie mir leid. Ich hole zum Trost eine Packung Kaugummis hervor. Das ruft Begeisterung und glänzende Augen hervor und sie greifen beherzt nach der Süßigkeit. Das sehen nun auch die Bullen, die gerade in diesem Moment zu uns schauen. Sofort spurten sie auf mich zu. Die Kinder erschrecken und fahren panisch mit ihren Rollern davon.
„So Freundchen, letzte Verwarnung!“ schnauft der Bulle. Meine Harmlosigkeit scheint nun verspielt. Ich schlurfe davon, überlege, was ich tun könnte, da vibriert es in meiner Tasche. Das Display zeigt einen Namen: Lance!
„Oh Mann, da bist du ja, du Pfeife! Wo zur Hölle treibst du dich rum!“ schreie ich zur Begrüßung. Mir fallen Steine vom Herzen, mir wachsen Flügel in diesem Moment.
„Jörg? Du musst mir helfen! Ich hab Scheiße gebaut.“ jammert es aus meinem Telefon.
Lance klingt ramponiert und bedrückt. Im Hintergrund lebhaftes und unverständliches Geplapper. Aber er lebt offensichtlich
„Ich war gestern noch im „Heaven“, da hab ich so einen Vertrag für diese Show unterschrieben, dann haben sie mir meinen Ausweis abgenommen und dann sind wir auch gleich los!“ stammelt er.
Vertrag? Show? „Heaven“, dieser Bumsschuppen von Großraumdisko? Ich komme nicht mit.
„Okay, Lance! Alles wird gut, aber WO bist du?“
„Am Flughafen!“
„Am Flug…? Okay, bleib wo du bist! Ich hole dich!“
Verdammt, jetzt ist auch egal! Jetzt kann ich auch noch mit der Regionalbahn zu einem der beiden Flughäfen zuckeln.
„Okay Lance! An welchem bist du denn überhaupt?“
„Palma!“
„Wat? Palma?“
„…de Mallorca!“ schiebt er hinterher.




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