Archiv für April 2011

Kate und William- Es lebe die Monarchie

Kate und William haben Millionen verzaubert. Sogar das japanische Fernsehen berichtete vom Gepose der beiden royalen Exhibitionisten. Wie der uniformierte William seiner Bürgersbraut in einem viel zu großen und obendrein hässlichen Kleid den viel zu kleinen Ring über den Finger quetschte, sie sich küssten und im Cabrio die winkenden Masse durchfuhren. Das bringt die einen zum Brechen, gefällt aber auch Millionen und im Fernsehen berichten extra aus Deutschland angereiste Menschen, völlig aufgelöst nach britischer Luft schnappend, von dem Spektakel, als wären sie gerade von einer tödlichen Krankheit geheilt. In einem barocken Schuppen in Berlin gab es sogar ein Public viewing und da saßen verstrahlte Muttis in feinste Seide gehüllt und freuten sich. Es lebt sich offenbar nicht schlecht im Verblendungszusammenhang.
Die Winker sehen in Kate vielleicht die Brücke vom Königshaus zum abstiegsbedrohten Bürgertum. Ein einfaches Fräulein schafft es soweit nach oben in den Prunk der Monarchen. Das bedeutet auch, dass potentiell jeder der einfachen Leute die Chance auf, nicht nur auf Jubeln beschränkte, Teilhabe am Königsleben hat. Das ist doch mal eine Perspektive in der ansonsten so unübersichtlichen Welt.

Ein Tag mit Lance- Ärger am Klettergerüst

Eine neue Folge! Brutal wie das Leben selbst!!! Autojagden mit deutschen Autos, Schlägereien und große Gefühle. Rauhe Töne sind nichts ungewöhnliches in diesen Abenteuern. Aber diesmal fliegt euch das Blech weg! Ich schwöre! Wer zu schwach ist, sollte das nicht lesen. Echt, ich will´s es nur vorher ansagen. Nachher ist das Geschrei wieder groß! Ich überlege übrigens, mich vegetativ zu vermehren. Dann schick ich meinen Klon zum Amt, denn die Arschlöcher dort hält doch keiner aus!

Herr Stiehl fährt seinen überpflegten VW Venta nicht ohne eine gehörigen Portion Besitzerstolz.
Es riecht nach Polsterspray und Armaturenpflege, die Fußmatten sind gesaugt und der Duftbaum ist definitiv frisch, jede Kuller seines Autositzmassagematte scheint einzeln poliert. Schon beim Einsteigen konnte ich einen Blick in den frisch gewachsten Lackspiegel der Karosserie werfen.
Fakt ist: Herr Stiehl hat eine Beziehung zu seinem Volkswagen, die von wahrer Hingabe gekennzeichnet ist. Sie sind Kumpel und Partner wie K.I.T.T. und Michael. Wie er trotz höchster Anspannung sanft das genoppte Lederlenkrad umgreift, sanft schaltet und mit seinen braunen Wildlederschuhen die Pedalen umzärtelt, und wie es ihm der Wagen mit zufriedenem Brummen dankt. Wir werden hier Zeuge von etwas ganz Großem: Ein Mann und sein Auto suchen den verlorenen Sohn.
Katja beugt sich nach vorn und fragt:
„Wo fahren wir eigentlich hin?“
Herr Stiehl schaut in den Rückspiegel und sagt knapp:
„Zum Spielplatz“
Arnold Schwarzenegger spricht aus ihm. Dann richtet er den Blick wieder auf die Straße. Katja und ich schauen uns verwundert an.
„Zum Spielplatz?“ frage ich zögerlich nach.
„Ja!“
Ok, murmle ich, lasse mich noch tiefer in den Autositz sinken, schaue wieder auf die Straße .
„Was wollen wir den auf dem Spielplatz?“ ruft Katja etwas ungehalten von hinten.
„Anhaltspunkte suchen!“ antwortet er.
„Auf einem Spielplatz?“
„Ja!“
Katja gibt auf und lässt sich nach hinten fallen.
Ein paar Minuten parken wir vor einem Spielplatz, der schon Jahrzehnte keine Erneuerung mehr mehr genossen hat. Wippe, Rutsche, Klettergerüst – alles im Charme eines Trainingscamps
für Feierabendterroristen irgendwo in Nahost.
Widerwillig folgen wir Herrn Stiehl, der zielstrebig auf den Sandkasten zusteuert und sich die Sonnenbrille in die Stirn schiebt. Ein Wind kommt auf und wirbelt braunes Laub auf.
Kinder sind da nicht zu sehen. Nur eine Clique von vielleicht acht Jugendlichen, die höchstens 15 oder sechzehn zu sein scheinen, hängen rauchend um eine bemalte Bank herum. Als wir ihr Revier betreten, verdunkeln sich ihre Blicke.
Herr Stiehl steht im Sandkasten und versucht eine Fährte zu lesen, wir stehen mit Abstand daneben und schauen uns unsicher um. Herr Stiehl hebt ein altes Prospekt auf, pustet es vom Sand frei und studiert es. Der Mann macht mir langsam Sorgen.
„Was tun wir hier eigentlich?“ platzt Katja der Arsch.
Herr Stiehl blickt auf, als hätte man ihn gerade aus dem Schlaf gerissen. Der Wind hat sein Haar zersaust, seine kleinen kalten Schweinsaugen sind wahnhaft aufgerissen und schauen abwechselnd mich und Katja an:
„Anhaltspunkte sammeln!“
„Okay, mir reicht es. Ich gehe! Das macht hier alles keinen Sinn, außerdem habe ich in einer Stunde Blockseminar! Wenn euch einfällt wo ihr suchen wollt, kannst du mich ja anrufen!“
Sie dreht sich um und stampft los.
„Katja!“ rufe ich und laufe ihr nach. Sie dreht sich um und wir stehen uns gegenüber.
„Hör mal Jörg, ich muss wirklich los und ehrlich gesagt: mehr können wir jetzt nicht tun. Wenn er morgen immer noch nichts von sich hören lässt- was ich nicht glaube- dann gehen wir zur Polizei. Es wäre bloß gut, wenn du ihn vielleicht davon überzeugen könntest. Die arme Frau Stiel…“
Herr Stiehl misst völlig versunken mit zu Boden gesenktem Blick den Spielplatz ab und bewegt sich auf die Jugendlichen zu, die schon hämisch grinsen und argwöhnisch äugen.
„Gut, ich ruf dich an!“ sage ich. Wir umarmen uns zum Abschied. Sie latscht los, ich schaue ihr hinterher bis sie verschwindet und als ich mich umdrehe, sehe ich Herrn Stiehl an der Bank stehen und Worte mit der Clique wechseln. Ich spute mich hin.
„…und im Übrigen lasse ich mir von ihnen nicht sagen, wo ich meine Füße hin packe!“ sagt gerade ein blondierter Backfisch, der mit dem Arsch auf die Banklehne sitzt und rotzt dem verdutzten Herrn Stiehl zwischen die Stelzen.
„Das ist ja wohl unerhört. Nimm sofort die Beine von der Bank, Mädchen sonst…“
Ein Junge, einer von diesen wohlgenährten verpickelten Riesenbabys, in Gangsterkleidung tut sich fuchtelnd hervor.
„Yo…Yo…Yo…Was sonst??? Hä, Was sonst du Spastiopfer! Willst du uns drohen du behinderte Missgeburt???“
Ich packe Herrn Stiehl beim Arm:
„Wir sollten jetz gehen!“ zische ich ihm zu.
„Wer isn das? Dein Betreuer?“ kräht ein anderes Mädchen und bleckt die Zahnspange, um mit den anderen in hämisches Gegröle auszubrechen.
„Das ist sein Lustknabe!“ keift jemand anderes.
„Sein Popieker!“ grölen zwei wie aus einem Munde und klatschen sich ab. Die ganze Bande tobt. Ob die Eltern während der Kopulation nur einen Moment daran gedacht haben, dass sie Arschlochkinder in die Welt setzen.
„Ich werde mal mit euren Eltern reden!“ schnauft Herr Stiehl, während ich versuche ihn abzuschleppen.
„Fuck mich nicht ab, du Homospast! Verpiss dich!“ grölt das Riesenbaby.
„Jaaa, verpisst euch ihr Homos…“ und „Ich fick dein Leben“ rufen die anderen.
„…deine Mutter!“…schiebt das Riesenbabie noch hinterher.
Das mit der Mutter war zuviel. Herr Stiehl reißt sich los und stürzt sich auf seine Peiniger, die Jugendlichen spritzen erschrocken auseinander, er brüllt wie ein Löwe, gerät aber ins Straucheln und rennt direkt in die Faust des Riesenbabies, stürzt hin und bleibt reglos auf dem Rollsplit liegen. Schlagartig ist es still. Alles erstarrt, friert ein. Ein mit fleckkiger Brille versehener Junge hat noch den Finger in der Nase. Die Kinder schauen betroffen auf den im Dreck liegenden Mann. Nur das Riesenbabie schaut abwechselnd erschrocken auf seine Faust und auf den reglosen alten Mann.
„Scheiße…Justin…du, du, du hast ihn umgebracht!“ stößt die Zahnspange hervor.
Der schaut immer noch abwechselnd hin und her und verliert die Farbe gänzlich aus seinem Gesicht. Selbst die Pickel werden weiß wie eine Wand.
„Ich hab doch gar nichts…“
„Du hast ihn umgebracht!“ greint jetzt die Zahnspange. Alle anderen stehen still da und schweigen in Schockstarre.
„Lass uns abhauen!“ brüllt einer und schon sind wir alleine auf dem Spielplatz. Nur eine langsam verschwindene Staubwolke erinnert an die kleinen Penner.
Ich beuge mich runter zu Herrn Stiehl und schüttle ihn. Er kommt zu sich. Seine Nase sieht irgendwie nicht gut aus. Ich richte ihn halb auf , er kann aber nicht aufstehen.
„Ruf die Polizei!“ keucht er und kotzt sich auf die Freizeithose.

Morgens halb acht in der U-Bahn

Montag morgens halb acht in der U5. Jeder Quadratmeter mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit belegt. Wer nicht sitzt, der steht. Wer nicht steht, der sitzt. Es ist gespenstisch still in dem gelben Eisenwurm, der sich eilig durch den Berliner Untergrund schlängelt und hier und da mal ein paar Lohnabhängige ausspuckt und andere aufnimmt. Hier klingen nur die Duftnoten der Deos, Shampoos und Seifen und natürlicher Sekrete, die an den Leibern der Stadtaffen kleben – holzig-ledern, würzig, orientalisch, aromatisch-holzig und blumig-was auch immer – so quäkt alles durcheinander choral in unverstopfte Nasen.

Die Gesichter, derer die wie Flughunde an den Stangen und Halteriemen hängen, sind müde und verquollen, die mit kaum sichtbaren Zahnpastaresten verklebten Mundwinkel hängen konsequent nach unten, die Augen trüb und noch halb zu. Noch halb von ihren Träumen getragen schauen sie lustlos auf die Bildschirme mit den BZ-News, in mitgeschleppte Literatur oder ins nicht vorhandene Leere. Sie wirken alle soooooo friedlich, die Menschen, doch innen drin da tickt es fast hörbar.

Irgendwer hustet im vorderen Teil des Beförderungsmittels. Jaja…geht grad wieder was um zur Zeit, denken sich die meisten jetzt bestimmt und versuchen noch weniger durch den Mund zu atmen. Ein paar unsichtbare Viren tanzen durch die Luft und suchen sich neue Wirte.
Freut sich hier denn wirklich niemand auf die Arbeit? So könnte man lachend mit glockenheller Stimme rufen, lustig mit dem Kopf wackeln und mit einer Partytröte die schwere Stille zerreißen. Wie würden sie reagieren, all die Menschen? Hier…. unter der Erde.




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