Archiv für Februar 2011

die Dönerjäger von Magdeburg

In einem Magdeburger Currywurstimbiss tragen die Angestellten T-Shirts auf denen in Frakturschrift das Wort Dönerjager prangt. Der verschmitzt grinsende Inhaber der Fettluke begründet dies mit dem Ziel, dem Döner zugunsten der Currywurst den Rang abzujagen.
Soll witzig sein! Humor entsteht bekanntlich aus Aggression. Der Magdeburger Wurschtdödel mit Testosteronüberschuß ist offensichtlich nur aggressiv, dass weiß er selbst aber nicht und deswegen bietet er auf seiner Homepage debil grinsend Dönerjäger-streetware feil: Werd auch du zum Dönerjäger! heißt es dort.
Ob nun gefülltes Fladenbrot oder Läden gejagt werden sollen, bleibt unklar. Der „Dönerjäger“ erinnert mich nur all zu sehr an Slogans wie „Bratwurst statt Döner“, die von Nazis mit Fastfood-spezifische Überfremdungsängsten in die Welt getragen werden. Nennt mich jetzt ruhig Spielverderber, aber in einer Gegend, wo bodenständige Volksgenossen mit niederen Leitmotiven auch mal Dönerbuden abfackeln und Menschen ermorden, sind solche Bedenken durchaus berechtigt
Nun, es riecht hier so braun wie die Scheiße in den Gedärmen der Tiere, die nun als Wursthülle auf dem Grill garen. Hauptziel ist aber der Profit. Die Currywurst soll in die Münder der Döneresser, damit es beim Dönerjäger ordentlich in der Kasse klingelt. Primitiv wie der Humor. Aber it´s capitalism, baby!
Und vor allem realitätsblind. Es wird schon seinen Grund haben, dass die Gier nach Currywurst eher bescheiden ist. Der Döner kann auch ohne Fleisch verdrückt werden, bei der Currywurst bliebe man als Vegetarier auf Pappteller und Currysoße sitzen.
Warum der Deutsche so stolz auf seine Currywurst ist, bleibt mir unverständlich. Der Hintergrund, dass die Currywurst aus dem gelangweilten Rumgerühre der Berliner Wurstverkäuferin Herta Heuwer im grauen Berlin von 1949 entstanden ist, macht den verschrumpelten Brühpimmel für mich auch nicht interessanter.
„Ihre Idee ist Tradition und ewiger Genuss!!“ quäkt es in zähem Pathos von ihrer Gedenktafel. Das „Wunder von Berlin“ möchte ich hinzufügen, erinnere aber trotzdem an die Umstände dieser Tage: Adenauer, Luftbrücke und Bombenschutt. Ein wenig Curry und rote Soße brachten Farbe in den grauen Alltag des postfaschistischen Berlin. Ohne indischen Curry und die Frachten der Rosinenbomber hätte die Geburt der Currywurst wohl nicht statt gefunden. Auch ihnen gebührt eine wurstbezogene Gedenktafel!
Zurück zu den Magdeburger Wurstdeppen. Ob nun ganz normaler Alltagsrassismus oder schon Wurstfaschismus. Das Fett brennt. Ab heute seid ihr nicht mehr sicher. Ich ernenne mich hiermit offiziell zum „Dönerjägerjäger“. Kreuzt lieber nicht mein Revier!

Ein Tag ohne Lance-Supermarkt

Supermarkt. Freitagabend. Drinnen tobt eine Schlacht. Die Leute beladen ihre Wägen weit bis über den Rand, als wäre dies die letzte Gelegenheit an Essen zu gelangen. Und sie haben ja recht. Der Sonntag rückt immer näher, sitzt bald jedem-ja jedem in dieser Gott verdammten Stadt auf der Pelle. Sie alle wissen es: Essen ist überlebenswichtig, die Ressourcen begrenzt. Einkaufen ist Krieg und ich brauche Käse.
Da wo sich zwischen Montag und Donnerstag im Kühlregal normalerweise Leerdammerstücke stapeln – liegt nur noch ein Stück. Das letzte Stück meines Stammkäses. Das soll meines sein. Ich greife beherzt danach, aber da wirft sich eine alte Frau dazwischen, grabscht es mit ihren ledrigen Händen, drückts fest an sich, dreht sich und rammt mich hektisch mit voller Breitseite, dass ich in einen, von einer hoch geschossenen Wetterjackentante gelenkten, Wagen voller Hack und Eier falle.

„Huchhachgott…Pardon!“ schnauft die Oma mir entgegen, dabei leuchten ihre Augen noch verräterisch in diebischer Freude, während ich mich ächzend, unter dem empörten Gekrähe der Wetterjacke, aus dem Wagens schraube .
Die Oma tut den Käse in den Wagen und verschwindet. Ich setze leise meckernd meinen Einkauf fort.

Die Schlangen zu den Kassen sind ewig lang, aber schnurgerade. Vor mir steht ein Alki und meckert halblaut und nach Aufmerksamkeit heischend vor sich hin:
„Kann man nicht noch eine Kasse aufmachen?“
Da stupst mich was von hinten an. Ich drehe mich um. Es ist die alte Käsediebin von eben. Sie guckt in die Luft und tut so als hätte sie gar nicht gemerkt das sie mir gerade mit ihrem Einkaufswagen in den Arsch gefahren ist. Sie ist dank der vielen Sommer die ihr auf dem Buckel liegen schon recht zerknittert, die Haut ihres Truthahnhalses schlackert wie ein altes Segel in der filzenen Umkleidung ihres Mantelkragens, das Gesicht ist zerfurcht und spricht verstaubte Bände, ihre Hände krallen sich verbissen an den Wagen, der ihr Transportmittel und Rammbock zugleich ist.
Ich hole tief Luft, blase sie gepresst und gestresst aus und bemühe mich um Milde, denn nun klemme ich zwischen Omas Wagen und dem Alki. Dieser hat auffallend starke Ohrbehaarung, richtige Schlingen wachsen ihm da aus den ungewaschenen Löffeln. Dafür ist der Kopf nur noch spärlich bewachsen. Eine ungerechte Verteilung. Aber die Mutter Natur ist nun mal eigensinniges Zicklein.
Dann bewegt sich die Schlange um zwei Meter weiter. Auch die Oma rückt auf. Das spüre ich daran, dass sie mir wieder in den Hintern fährt. Ich tue wieder so als würde ich das nicht merken.
Beim nächsten Nachrücken fährt sie mir dafür um so doller in den Arsch. Da wird mir klar, dass sie mich provozieren will. Das sie Stress will. Ich bin kurz vorm Austicken und beherrsche mich nur noch mit Müh und Not.
Der Typ vor mir nebelt mich weiter mit Fuselwolken ein und die Oma drängelt von hinten und presst mir mit dem Gitter Karomuster in den Allerwertesten. Zeit vergeht zäh, aber dann bin ich kurz vor der Kasse.Erwerb und Erlösung warten dort auf mich.
Der Alki bezahlt seine zwei Bier und kaum ist er von der Kasse, kommt von hinten ein massiver Schub, dass ich grob vorgestoßen werde. Da drehe ich mich um und raste zünftig aus:
„Warum fahren sie mir permanent in den Arsch?“
Die Oma zuckt zusammen.
„Aber ich! Was wollen sie von mir?“ jammert sie und blickt sich Hilfe suchend zu denen um, die im näheren Umfeld schon neugierig und sensationslustig herüber gucken.Doch ich bin nicht weder aufzuhalten, noch zum Narren zu halten und heize den Generationskonflikt gehörig an.
„Was bilden sie sich ein, diejenigen die täglich für ihre Rente schuften gehen zu bestehlen auch noch drangsalieren?“ schreie ich empört..
„Stehlen? Ich habe noch nie gestohlen?“ jault sie mit brüchiger Stimme auf.
„Aha! Und was ist dann das hier?“
Ich greife in den Wagen, nehme den Käse und halte ihn für alle sichtbar in die Luft.
Man guckt mich stumm an und würdigt das Beweisstück mit keinem Blick. Warum starren die mich so an? Zweibeinige Amöben! Eben noch futterneidisch durch die Gänge getobt und sich nun in stille Empörung kleiden. Ich suche ein verständnisvolles Gesicht, doch alle zu denen ich Blickkontakt aufnehme, senken die Nasen, wenden sich beschämt ab. Die Oma fängt an zu wimmern und zu klagen. So etwas sei ihr noch nie passiert. Nach all den Jahren der Entbehrung und des Fleißes nun so frech bezichtigt zu werden.
„Sechsvierundachtzig“ sagt die Kassiererin eisern und gibt mir einen Grund den unsicheren Pfad, den ich gerade einschlug zu verlassen. Ich zahle aufgelöst was ich ihr schuldig bin, packe alles wieder in den Karton. In meinem Rücken das Wimmern der Alten und die feindlichen Blicke derer, die bisher gegeneinander erbittert um die Wochenendversorgung gekämpft haben.
Draußen hocke ich mich hin und packe die Waren zittrig vom Karton in meinen Rucksack. Da legt sich ein Schatten über mich, ich blicke auf und da steht die Oma auf gepflanzt vor mir und blickt mich starr an. Sie wirkt aus dieser Perspektive ganz schön gewaltig. An ihren beiden Wurstfingerhänden baumeln pralle Ledertaschen.
Dann tritt Leben in ihr Gesicht und ihre Mundwinkel ziehen sich langsam nach oben, immer weiter bis zu den Ohren, ihre Augen werden zu kleinen Schlitzen. Dann bleckt sie ihre Dritten und Zentner weise Gold blinkt ihr aus dem Rachen. Mir wird auf einmal bang vor dieser Fratz, aus der nun ein Lachen folgt- monoton und spitz, halb Krähe, halb Maus.
Dann dreht sich die Hexe um 90 Grad und humpelt ohne das Lachen zu unterbrechen, davon bis sie von der Dunkelheit verschluckt wird.

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