Archiv für August 2010

Von der Unfähigkeit geschmackvoll zu beleuchten

Immer nörgle ich in meinen Beiträgen, denn ich bin im Stamm der Jammerossis groß geworden-das beeinflusst einen so stark.
»Das ist so typisch deutsch!« beleidigt mich bestimmt meine spanische Amiga bald. Deren Mutter hat auch gesagt, ich sähe aus wie Yogi Löw. Das hat schon reingehauen damals, obwohl sie es gewiss nicht böse gemeint hat und obwohl ich schlagfertig mit »Dis stimmt gar nicht!« gekontert habe, hat es mich ein wenig verletzt. Yogibär wäre mir fast lieber gewesen, ich könnte mich sogar damit anfreunden, wenn mich einige Leute Yogibär nennen würden, statt immer nur Tiger, Bombe oder Rakete. Gerade Rakete ist doch viel zu konform. Damit assoziiert man doch eher den neoliberalen Aufsteiger in der Ellenbogengesellschaft und die kalt schnäutzige Charaktermaske in der total verwalteten Welt, die ohne Rücksicht auf Verluste nach ob zischt, während andere im giftigen Schweif verenden.
Dann lieber der trottelige und eigentlich harmlose Bär, der Bienen weg schlagend durch die Gegend tapst, sich mit klebrigen Tatzen ächzend den Bauch hält und brummt: »Hui- mir ist ganz schwindlig, weil ich so viel Honig genascht habe..«
Wie komme ich überhaupt darauf? Warum schreib ich so einen Müll ? Ich sollte alles markieren und die entf-Taste drücken, denn wem nützen diese Informationen , die ich hier in meinen Blog hacke? Ich wollte doch etwas über diese hässlichen IKEA- Lampenschirme schreiben, die in jeder, in wirklich jeder Wohnung hängen, schreiben. Weiße leuchtende Papierbälle an jeder Decke. Gehe mit verbundenen Augen in eine beliebige Wohnung, zeige mit dem Finger an die Decke und rufe: »So einen Ikealampenschirm haben wir auch!«. Es wird stimmen.
Wie kann man als Individualist so etwas ertragen? In der Südvorstadt, wo fast alle die gleichen Jacken tragen hängt in jedem Fenster so ein Teil-ein dumpf leuchtender Papier-Ballon von Ikea- entdecke die Unmöglichkeit geschmackloser Beleuchtung aus Schweden.
»Es ist nur ein Lampenschirm!« sagt jetzt A zu B, weil B weinend und verzweifelt an A´s Brust trommelt, aber es ist mehr als das. Es ist ein geschmackloses mit Papier bespanntes Ballgerippe, die dauerhafte Übergangslösung für´s eigene Heim bis man sich für ein mit weißem Papier bespanntes Quadratgerippe entscheidet.

Ein Tag mit Lance-“knapsknapsknaps“

»Knapsknapsknaps« macht es und wieder verschwindet eine Salzstange im Mund von Lance, der auf der verkeimten Couch in unserer Küche sitzt und auf den nicht minder verkeimten Fernseher starrt. Es läuft eine Reportage über tierische Waldesbewohner, in der Rotwild, Schwarzwild, Muffelwild, Iltis, Waschbär und Wildschweine sich ein munteres Treiben liefern.
Gerade wird ein Fuchs gezeigt, der mit der Pfote auf einen Frosch haut. Der Fuchs ist schlau, Lance ist es nicht. Zu mindestens sieht er nicht so aus, wenn man ihn so beim Essen beobachtet.
Wie er so vor sich hin mümmelt, schluckt, mit der Zunge säubernd die Zahnreihe entlang rutscht, das sich seine spärlich bewachsene Oberlippe wölbt, nochmal, in eine fünf sekundige Starre verfällt, sich dann aber ächzend vorbeugt, unter lautem Rascheln eine Salzstange aus der Packung nestelt-die er gerade so erreicht-sich dann zurück plumpsen lässt in seine Lümmelposition, beschwerlich durchatmet, die neu ergatterte Salzstange an den Mund führt und dann wieder: knapsknapsknaps-Salzstange weg.
So geht das schon seit gefühlten zwei Stunden. Pro Salzstange bietet sich mir diese triste Abfolge. Im Hintergrund das einlullende Gequatsche des Tierfilmsprechers und das ganze Gefiepe und Gemurre was die Waldbewohner so zu bieten haben.
Seit circa acht Salzstangen hat Lance auch einen Krümel an der Backe, der mich irre macht und denn ich ihm am liebsten mit einem großen Küchengerät entfernen möchte.
Jetzt raschelt´s schon wieder. Mein Herzschlag beschleunigt sich und dann knalle ich durch.
Ich nehme die Packung Salzstangen und schmeiße sie dem verdutzten Mitbewohner an den Kopf, bevor er auch nur »ey« sagen kann, habe ich schon die gusseiserne Pfanne in der Hand und gonge ihm kräftig auf die langhaarige Rübe, das der, fürchterlich Ekel erregende, Krümel von seiner Backe fällt und er von der Couch, dann gonge ich auf den Fernseher, dass auch die Stimmen aus dem Wald verstummen. In der Folge gonge ich mit der Pfanne auf alles was mich fertig macht und stehe kurze Zeit später auf einem Trümmerberg von Stressfaktoren, die mir das Leben zur Hölle machten.
So war es zu mindestens in meinem Kopf, stattdessen schiebe ich die Packung aus der Mitte des Tisches zu Lance, der erst verwundert die Packung und dann mich ansieht.
»Damit du dich nicht immer so weit vorbeugen musst!« erklärte ich mein Tun.
»Danke“ sagt er verwundert.
»Bitte« sage ich und schaue weg, weil mir an der Einleitung eines Tête-à-tête mit Lance so gar nichts lag. Ein Frischling auf der Mattscheibe raschelt mit der verdreckten Nase im Dreck. Der Tierfilmsprecher erklärt warum. Aber mir ist das egal.
Jetzt raschelt Lance in der Salzstangentüte und wieder »knapsknapsknaps«.
»Warum nimmst du dir nicht gleich ein paar mehr Stangen aus der Tüte?« frage ich.
»Was?« Knabberlance unterbricht seine Käubewegungen.
Ich wiederhole meine Frage und erkläre, dass es doch nicht so stressig wäre, wenn er gleich ein paar
Stangen aus der Tüte nimmt, dann müsse er auch nicht so oft rein greifen und so laut rascheln, was ja einer ungestörten TV-Unterhaltung zu Gute kommen würde.
»Ich weiß ja vorher nicht wie viel ich essen will!« sagt Lance heiser.
Lancelogik. Ich gebe an dieser Stelle auf. Es ist klar, dass jemand, der im Kino seinen Döner auspackt, auch solchen Kleinigkeiten eher befremdlich gegenüber steht. Ich verlasse die Küche, gehe in mein Zimmer und mache Musik an. Das heißt, erst nachdem ich aus meinem Eigene Musik-Ordner etwas finde, was ich hören will. Klickklickklick macht die Maus.
Knapsknapsknaps macht es aus der Küche. Ich schrecke auf und spüre wie sich meine Augen weiten. Man hört es bis hier. Nervös scanne ich die Ordner. Schnell, bevor es wieder knapst. Da! Napalm Death. Ich drehe auf und nach 56 Sekunden ist der Song auch schon vorbei. Kaum ist der Song vorbei macht es »knapsknapsknaps« aus der Küche und der nächste Song startet von meinem
PC. Ich raufe mir anlässlich dieser vermaledeiten Situation die Haare und laufe im Zimmer auf und ab. »Practise what you fucking preach!« schreit es aus den Boxen. »Knapsknapskanps«
macht es synchron zum Blastbeat. »Aaaaaaaaaaaahhhhhhhhh!«
Ich renne aus dem Zimmer und schwöre mir auf dem Weg zur Küche das der kleine Arsch seine letzte Salzstange geknabbert hat. Doch als ich in der Küche stehe, wird meine Wut abruppt gebremst, denn Lance schüttet gerade den Krümelrest in seine Hand und zerknüllt die leere Tüte.
Es ist vorbei, sage ich zu mir. Gleich wird er seine Zunge ausfahren und sich die Krümel aus der Hand lecken, denke ich und als er das genau so tut, entspanne ich mich. Alles wird gut, denke ich .
»Das Muffelwild gehört zur Familie der Hornträger…« tönt es vertraut aus dem schmierigen Fernseher. Lance ist ganz still und glotzt auf den Bildschirm, er bemerkt mich nicht. Er scheint die Krümel zu lutschen in seinem Mund in einen sämigen Brei zu verwandeln.
Zwei Böcke machen Rammstöße, denn im Tierfilm ist gerade Brunftzeit unter den Muffeln. Krass diese Hörner, denke ich und tauche ein in die Mischwaldwelt. Aber dann ist es vorbei. Die letzte Kameraeinstellung zeigt wie die Muffelbande über ein Feld in den naheliegenden Wald läuft.
Schrift läuft runter. Film vorbei.
Auf der Couch streckt sich ächzend das Lance und bemerkt erst jetzt,dass ich in der Küche bin. Er blickt mich an, grüßt blöd und sagt dann:
»Wo du gerade stehst, dort in der unteren Schublade vom kleinen Schrank müssten noch Salzstangen sein!«

Gespräch unter Männern

Lance hat mich hierher geschleift, weil er reden will. Keine Ahnug worüber, aber gewiss so wie er es an seiner Uni da auch immer macht. Er studiert nämlich Geschichten erzählen oder Vergleichende Honkwissenschaften mit Computer-Mathe als Nebenfach.
Es sind nur ein paar Studentenheinis und ein verlaufener Trinker anwesend, der androgyne Tresenknecht mit dem glänzenden Scheitel poliert Gläser und wiegt sich dabei fast unmerklich zu der Fahrstuhlmusik, die da aus den Boxen plätschert.
Seit einer halben Stunde sitzen wir hier, Lance pult unter fiesen Schrabgeräuschen am Etikett seines zweiten Bieres herum, rollt die Abrisse zu kleinen Kügelchen zusammen und tut sie in den Ascher.
In regelmäßigen Abständen räuspert er sich, oder seufzt und guckt ständig in der Gegend herum.
Ich habe noch einen mächtigen Kater und nippe an so einer Scheißbionade und warte bis Lance mal anfängt zu reden, hoffe aber gleichzeitig, dass er es auch lässt.
Tut er aber nicht. Ich warte trotzdem und gucke auf mein Biotrottelgetränk.- Ingwer-Orange-Plörre für drei Euro. Wollte ne Fanta bestellen vorhin, aber der Tresentyp hat mich angeschaut, als hätte ich ihn gebeten, dass er mir den Hintern epiliert. „Fanta führen wir nicht! Wir haben Bionade!“
Lance dreht wieder den Kopf umher und streckt dabei seine Hühnerbrust raus, während seine Fäuste auf dem Tisch liegen. Schon dafür könnte ich ihm eine rein drömmeln-das liegt aber an meinem Kater, da bin ich immer so gereizt. Ich schlage niemand ohne Grund, erst recht nicht, wenn sie so lurchenhaft gebaut sind wie Lance, aber um so länger ich ihn in dieser Position sehe, um so aggressiver werde ich. Wenn wenigstens nicht sein blödes Metallamulett um seinen Hals da so herum baumeln und in regelmäßigen Abständen gegen die Bierflasche klingen würde. Kling! Pause! Klinkkling…
„Erwartest du jemand?“ frage ich ihn.
„Wieso?“ fragt er und guckt mich so seltsam scheel an.
“Ständig verfällst du hier in so eine Hab-acht-Stellung und scannst den Raum!“
Sofort sackt er wieder in seine gewohnt geduckte Position.
„Mach ich doch gar nicht“ nuschelt er und kratzt wieder am Etikett.
„Ja, klar…Worüber wolltest du eigentlich reden?“ frage ich.
„Ach, hat sich schon erledigt…is nich so wichtig“ säuselt er angetrunken und lässt den Kopf hängen.. Das zweite Bier ist schon fast alle, er hat einen drin.
„Was? Es war doch vorhin noch so wichtig. Jetz spucks aus“ rufe ich.
Er spuckts nicht aus, sondern kratzt immer intensiver an der Flasche. Papier ist schon lange keins mehr drauf. Jetzt schabt er sich durch die Kleberschicht. Ich nehme ihm die Flasche weg. Mit dem Reaktionsvermögen einer Schildkröte versucht er dies zu verhindern. Erfolglos. Jetzt sieht er richtig verloren aus, seine Hände greifen nach dem Ascher. Auch den ziehe ich ihm weg. Er steht auf, holt sich noch ein Bier. Dieser Fuchs! Ich verabschiede mich in Gedanken von dem, mit feinem Tau überzogenen, Etikett der neuen Molle, die er heranschleppt und schon schlägt er seine Krallen in die Gold schinmernde Alufolie, die den Hals der Flasche schmückt. Ich stehe demonstrativ auf und verkünde, dass ich jetzt gehe.
Nein, bleib, ruft er und schon sprudelt es aus ihm heraus.
Es geht um Moni, die Frau vom See. Lance hatte mit ihr und ihrer Freundin noch den Abend am See verbracht, während ich alleine nach Hause fuhr. Jetzt hat er sich verknallt und trotzdem er ihr jeden Tag eine SMS schickt, kommt es zu keinem weiteren Treffen. Sie ist sehr beschäftigt wegen ihrem Studium. Er schickt ihr recht originelle Simsen, wie „..lebe nie ohne zu lachen, denn es gibt Menschen, die von deinem Lachen leben!“ oder „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen!“
Ich unterbreche ihn, dass er doch bitte leiser reden soll. Jeder kann sein Selbstzeugnis über seine Narreteien mit hören, da hinten in der letzten Ecke stecken Studentenfrauen schon kichernd ihre Bubiköpfe zusammen.
Aber Lance ist fertig und auch seine dritte Flasche nun ebenfalls nackt gekratzt. Erwartungsvoll schaut er mich an. Ich lehne mich zurück, hole tief Luft und fang an zu leiern:
„Lance Alter, ne winzige klitzekleine Kleinigkeit -wat Frauen anjeht is leider voll wat an dir vorbei jejangen. Mit die Frauenzimmer is dit nämlich so…“
Lance hebt zaghaft den Finger wie in der Grundschule und fragt, ob er nochmal schnell austreten dürfe.
Lance rennt auf´s auf Klo. Wundert mich, dass er nicht schon vorher drei mal war. Der Bartyp macht neue Mucke rein- MC Rakete-knall harter Gangstarap aus Berlin oder so. Er ist der Reimkönig aus X-Berg und kennt kennt in punkto Reim und Beat kein Pardon:
„Wenn ich den Raum betrete
dann drehn die Stuten ab
wollen sich mit mir paaren
gleich hier im Stairways-Club

Yo, sie riechen meinen Duft
die harte Männer Note
Ich komm direkt vom Himmel
Ich bin der Götterbote

Hey, hey, hey
Hier komm ich
didadidadida
das bin ich

Ich hab die Türsteh-Affen
alle platt gemacht
Hells Mopeds -Spasten
jetzt ist Schicht im Schacht

Ich zieh die Jacke aus
sie kreischen alle los
sie wollen mehr davon
machen Handyfotos

Hey, hey, hey
Hier komm ich
didadidadida
das bin ich

Ich mach die ersten Schritte
tanze euch was vor
ich schieße durch die Decke
in den second floor

Ein Opfer dort
macht vor mir n Harten
Ich mach ihn platt
und verteil Visitenkarten

Hey, hey, hey
Hier komm ich
didadidadida
das bin ich

Die Bräute fangen an
sich zusammen zurotten
wollen meinen Körper
zerren an meinen Klamotten

Doch ich muss weiter tanzen
muss mich bewegen
unter der Diskokugel
im Konfettiregen…“

„Da bin ich wieder!“ Lance setzt sich an den Tisch. „So!“ sagt er und schaut mich gespannt an.
„Wo waren wir stehengeblieben? Ach so…mit die Frauen verhält sich dit so..“ sage ich und hole wieder tief Luft.

Dit wat du komplett falsch machst, rührt daher, dit du dit Werben des Mannes um die Frau analog als Jäger -Beute-Beziehung ansiehst, wobei du der Jäger bist, der so lange der Frau hinterher rennt bis sie erschöpft zusammen bricht. Aber da biste im Irrtum…so läuft dit nich mit die Frauen im 21. Jahrhundert, denn dit einzige…“
Ich breche ab, weil Lance was einwirft.
„Was?“ frage ich nach, weil ich sein leises Gepiepse akkustisch wie inhaltlich nicht verstehe.
„Es heißt den Frauen!“ sagt Lance.
„Wie? – den Frauen!?!“ frage ich.
„Es müsste heißen : so läuft dit nicht mit den Frauen, du hast gesagt: die Frauen …Akkusativ!“ belehrt mich Lance nun. Ich bin für ein paar Sekunden darüber verdattert, dass Lance versucht hier den Oberlehrer zu machen, obwohl er mich um Rat fragte. Typisch Lance. Da hat er die Antwort abgewartet, um gleich danach wieder zu nerven. Ich weiß selbst, dass das Akkudings ist, aber wenn ich über peinliche und befremdliche Sachen reden muss, verfalle ich immer in Dialekt. Lance alias Schweinchen Schlau versaut mir gerade die Stimmung komplett, deswegen sage ich:

„Akku wat? Entschuldigung, aber ich spreche leider kein studentisch, weil es im Gegensatz zu Ihnen , euer Hochwohlgeboren, mir leider nicht vergönnt war eine Hochschule zu besuchen, sondern seit dem 16. Lebensjahr 60 Stunden Bautischlerei in der Woche ableisten musste, damit ich abends was zu beißen habe, weil Vater Staat mir keine fürstlichen Summen fürs Labern und faul Wälzen auf der Campuswiese gezahlt hat.
Ick wollte dir eigentlich erzählen wie dit wahre Leben läuft- von Dingen die du in deine Uni nich vorgelesen bekommen hast, aber wenn dem feinen Pinkel die Mundart des Proletariats nicht zusagt, dann lass ich mich jederzeit unterbrechen!“
Ich lasse mich nach hinten fallen und verschränke die Arme.
„Ich wollt dich nicht unterbrechen, sorry…red weiter!“ sagt Lance, den mein Aufbrausen etwas eingeschüchtert hat.
„Rrred weiterrr!“ äffe ich ihn nach, aber nicht ohne das R massiv zu rollen. Und weil das noch nicht reicht, springe ich auf, lege Zeigefinger und Mittelfinger unter die Nase und rufe zackig:
„Jawoll! Wirrd soforrrt erledigt, Herr Obersturrmführer!“
Lance guckt sich peinlich berührt um. Es ist ein Weile still an unserem Tisch, Lance überbrückt die peinliche Schweigsamkeit damit, die Flasche mit fettigen Abdrücken seines Daumens zu übersäen, bis er vorsichtig heraus druckst:
„Ich soll Moni also nicht so viele Simsen schicken?“
Das muss man Lance lassen, er versteht es neu erworbenes Wissen mitunter gleich umzusetzen.
„Ja, besser ist natürlich gar keine Simsen zu senden!“ antworte ich.
»Gar keine?«
»Lance! Das Geheimnis ist sich interessant zu machen, dit machste nicht, wenn du permanent an ihrem Rockzipfel hängst und mit Zitaten nervst…«
»Ich häng doch gar nicht…« interveniert Lance.
»Lass mich bitte ausreden! Frauen wollen auch jagen. Die wollen auch auch nicht das, was sie immer sehen und hören. Willst du gelten, mach dich selten-schreib dir das mal hinter deine Mäuseohren…Verdammt Lance, liest du die NEON-Artikel überhaupt oder guckst du dir nur die Bilder an?«
Ich warte seine Antwort gar nicht erst ab, sondern gehe zum Tresen. Dort steht so eine Kleine mit Zopf, engen Hosen und einer Art Strickjacke, wo lauter Punkte drauf gedruckt sind. Als sich unsere Blicke treffen, zwinker ich ihr zu, worauf sie angenervt wegguckt. Ich bestelle gegen meinen ursprünglichen Willen Bier.
»Häääää?« macht Lance, als ich mein Bier auf den Tisch stelle.
»Jajaja…Was macht deine Moni eigentlich?«
»Studiert«
»Und was? Muss man dir jedes Wort…?
»Sie studiert Sexualwissenschaften!«
Ich kriege einen Lachanfall. Dieser Lance, verklemmt wie sonst was und dann solche Schoten springen lassen. Er sitzt nur irritiert da. Ich sage:
»Das kann ich mir vorstellen! Studiere ich nämlich seit über 15 Jahren, aber ausschließlich Praxissemester. Bald bin ich Prof. Dr. Dr. Sex!«
Lance guckt mit aufgerissenen Augen an mir vorbei und kaut auf seiner Unterlippe. Verklemmter kleiner Tropf. Er hat doch damit angefangen. Bei mir jedenfalls rollen die Jokes zum Thema wie Autos die Autobahn beim Autorennen auf der Autobahn:
»Ey…ey und meine Praxiserfahrung in Sexualwissenschaft…Angewandte Sexual…«

»Praxiserfahrung? Mit deiner Hand?« tönt es hinter mir laut und schroff, dass ich zusammen fahre. Sofort stellt sich ein Distanzgefühl bei mir ein, ich schwitze und meine Kehle schnürt sich zu. Ich drehe mich nicht um.
Lance starrt auf das was sich hinter mir aufgebaut hat:
»Moni!« sagt er fast unhörbar.
»Hi Lance! Wie geht’s ?« sagt sie.
»Gut!« sagt er und starrt vor sich hin. Ich tue das gleiche, bis sie sagt:
»Okay, ich werde dann mal rüber…« Sie entfernt sich und meine Stresssymptome lassen nach. Ich blicke mich verstohlen um. Moni pflanzt sich gerade an den Tisch, wo die Bubiköpfe sitzen.
»Alter haste gut gemacht! Bin stolz auf dich!« sage ich.
Ich stehe auf, um mich für einen anerkennenden Schulterklopfer herüber zu beugen, stoße dabei versehentlich gegen den Tisch, das mein Bier umkippt und sich entschlossen in den Schoß von Lance ergießt. Er springt schreiend auf, sein Stuhl kracht um, ungläubig und pikiert fluchend schaut er von oben auf sich herab in seinen durchnässten Schoß.
Gleichzeitig spring ich, ebenfalls aufschreiend, zum Bier, um es wieder aufzurichten. Das gute Bier!
Den Schulterklopfer spare ich mir, stattdessen frage ich Lance, der mit spitzen Fingern, die nasse Hose von seiner Haut zieht:
»Oh hast du was abgekriegt?«
»Wonach sieht´s denn aus?« ruft er recht impulsiv und geht steif, quer durch die Spelunke, unter den Blicken aller, und verschwindet hinter der Tür des Bereiches, in dem die sanitären Anlagen untergebracht sind. Ich gehe ebenfalls durch den Raum, aber steuere die Ausgangstür an.
Draußen warte ich noch eine Minute, trolle mich dann aber, weil wenn sich der feine Herr mit seiner Toilette nicht aus der Rille kommt, muß ich ja das nicht mitmachen. Es war sowieso wieder mal ein ganz besonders anstrengender Tag mit Lance.

Flaschen sammeln

Jüngst saß man bei lauem Wetter bei Dunkelheit im Park auf der Sachsenbrücke und erörterte so Allerlei. Das herbe Getränk löste unsere Zungen und pushte unter anderem unsere Heiterkeit über ein Frollein, dass ungefähr 200 mal auf Rollschuhen an uns vorbei rollte. Mal von links und dann mal von rechts.
Auch ein Flaschensammler, von denen es in Leipzig bestimmt Tausende gibt, kam vorbei und erbat unsere leeren Pfandflaschen. Da wir von intensiver Großzügigkeit geprägt sind, gaben wir, unter dem Austausch gängiger Freundlichkeitsfloskeln, unser Leergut an den Bittenden, der sich klimpernd davon trollte.
Wir redeten und diskutierten weiter, knüpften mit sanfter Hand den Teppich der leichten Konversation, als von Ferne ein Lichtstrahl in unsere Augen stach.
»Was ist das?« fragten wir uns, schirmten unsere Augen mit den Händen und blickten stumm zur Quelle des Lichtes, das sich langsam auf uns zubewegte.
Das Licht entpuppte sich als Halogen-Beleuchtung im Frontbereich eines klirrenden Handwagens, den zwei Frauen vor sich her schoben. Sie steuerten das Monstergefährt direkt auf uns zu und für einen Moment waren die Gesichter meiner Gefährten so sehr in das gleißende Licht der sechs Strahler getaucht, dass mich jedes ihrer Fältchen, jede Hautunreinheit, jede, vor sich hin eiternde, Pore ansprang und ihre Gesichter ins Zombiehafte verzerrte.
Alt seht ihr im kalten Licht aus dieses Ungetüms, dachte ich noch, als sich aus dem Schiebegespann eine gesichtslose Silhouette löste. Ein freundliches Hallo kam aus dieser und gleich auch die Frage nach Leergut. Wir gaben wieder eine Flasche, denn einer von uns ist ein wahrer Stürzebecher. Der Wagen und die beiden Frauen entfernten sich, stürzte sich in den Konkurrenzkampf der Flaschensammler.
Wir waren wahrscheinlich Zeugen einer bahnbrechenden Innovation im Flaschensammlergewerbe-einem qualitativen Sprung, denn so ein hochtechnisierter Wagen ist der Beutelfraktion eindeutig im Vorteil. So können auch Nachtschichten im Park geschoben werden, die Tagessammler haben dann leider Pech und gehen leer aus. Aber so ist das nun mal in der freien Wirtschaft. Hat ja auch seiune guten Seiten. Erst dieser Druck fördert die Entwicklung, sonst würden wir heute noch in Baumkronen wohnen und in den dunklen Wald scheißen.
Ich mag mir gar nicht ausmalen, welche Erfindung den Leuchtewagen verdrängen wird-vielleicht unbemannte Flugobjekte und Kettenfahrzeuge, die bei Wind und Wetter Pfandflaschen aus den entlegensten Ritzen und Ecken holen, Roboter, die in Tonnen wühlen-und die dann die Flaschen auch noch abgeben. Der moderne Flaschensammler sitzt in seiner Einsatzzentrale Pizza essend am Rechner und überwacht das Treiben seiner technischen Diener.




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