Zahnlose Vögel singen von Freibier…

Gestern fühlte ich mich in vergangene Zeiten zurückversetzt. Ich sah einen jungen Menschen, den eine Textilie bedeckte, auf der, der offenbar unverwüstliche, Klassiker unter den linksalternativen Sprüchen prangte: (*Tusch*) „Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen…“
„…aber auch nicht selten auf die Fresse“, ergänzte ich insgeheim und gefiel mir für ein paar Momente in dieser abgeklärten Rolle. Doch nahm mich dieser unverhoffte Blickfang mit auf eine innere kleine Reise in die Vergangenheit. Irgendwann am 1.Mai in Kreuzberg, schon weit nach 18 Uhr. Die Revolution beschränkte sich mal wieder auf das vereinzelte Entflammen von Abfallbehältern.
Ein vollbesetzter Mannschaftswagen schob sich langsam durch die Adalbertstraße, am Rand standen überall kleine Pulks von Leuten mit Bier und glotzten. Von einer sich abzeichnenden Konfrontation nichts zu sehen. Es würde wohl „nichts abgehen“. Doch plötzlich stolperte ein angetrunkener junger Mann auf die Fahrbahn, stellte sich der Bullenwanne in den Weg, riss die Arme nach oben und schnaubte. Wie er da so stand: Bunter Iro, BW-Hose, kniehohe Boots, Kapuzenpulli und Nietengürtel und als Umhang eine Che Guevara-Fahne, die an seinen schmalen Schultern befestigt, stolz im lauen Abend wehte. Der Mannschaftswagen kam ruckelnd zum Stehen. Und da standen sie sich gegenüber. Super-Che und eine Kiste Bullen. Wird es jetzt zum Showdown kommen? Die Bierdose, an der ich mich schon seit geraumer Zeit festhielt, knackte vor Anspannung, als es aus dem Lautsprecher knarzte, dass die Person „die Fahrbahn räumen“ solle.
Mir stockte der Atem. Jetzt ist ER an der Reihe! Was wird er tun? Gleich wird er mit fester Stimme brüllen: NEIN!!! NIEMALS!!! Dann wird er finster dreinblickend auf die Büttel des Staates zugehen, die grüne Minna mit einer Hand in die Luft heben und unter einem pfeifenden Geräusch bis nach Hellersdorf schleudern. „Gute Reise, Jungs“, ruft er und holt ein Erfrischungstuch aus seiner Gürteltasche, um sich die Hände abzuwischen. Unter dem Applaus der Anwesenden verneigt er sich höflich in alle Richtungen, richtet sich dann ganz auf, reckt die rechte Faust und stößt sich nach oben ab. In der Höhe von vielleicht vier Metern dreht er zunächst eine schnwindelerregende Pirouette, schießt dann aber steil gen Himmelszelt und durchbricht in rasender Geschwindigkeit die dunkle Wolkenfront.
Die Sonne scheint auf einmal durch das Loch, dass Super-Che hinterlassen hat und Noten rieseln sanft herab, auf die verwunderten Menschen, die ungläubig nach oben schaun. Denn dort ist einiges los. Eine Herde Einhörner fliegt stolz lachend in Richtung Schöneberg. Orchestermusik dringt vom Himmel, phantastischer Regenbogen spannt sich über die Trasse der U1.
Oh Gott! Ist es jetzt etwa soweit??? Und was ist das für eine betörende Melodei, die da ertönt?
„Genosse, das ist…das ist doch die INTERNATIONALE!“ sagt jemand und rüttelt seinem Nebenmann an der Schulter.
„Nein, das klingt doch eher wie die Titelmelodie von der „Tagesschau“, sagt dieser darauf.
„Ach, INTERNATIONALE, „Tagesschau“-ist doch egal…lass uns tanzen gehen!“ und macht sich im Turbogalopp auf die Fahrbahn, wo sich schon alle gegenseitig an die Hände genommen haben…

Doch so war es nicht, denn mein Tagtraum wurde jäh unterbrochen durch Herrn D, meinem Begleiter: „Lass mal noch n Bier holen und langsam los.“ Herr D.-der Rost am Schwert der Revolution und Reformerschwein. Ich sage aber (TROTZ ALLEDEM!): „Ok“
Was soll man sonst auch trinken bis der Umsturz kommt.

Weltkrieg 2014-Deutschland-Ultras on Tour

Feist grinsende Speckbirnen mit Riesenhüten auf den Schädeln, rudern mit den Armen, hüpfen auf und nieder mit ihren krummen Stelzen. Es glüht und grölt sich warm für die Nationale Sauftour. Schwarz-rot-geil! Es riecht stark abgestanden nach Laune. Lederhosen, Dreispitz und Pickelhauben. Eine Blaskapelle spielt „Rosamunde“ und ein Einheizer röhrt durch ein Mikrofon: Deutschland, Deutschland….
Feiern haben sie ja gelernt-die Deutschland-Ultras. Dirndl-Uschi und Adidas Clown schunkeln lustig gegen den Takt. Helmut aus Stuttgart ist auch angereist-mit dem Flieger aus Germoney. Man zeigt Flagge auf dem Fanatiker-Rummel vor dem Mercado in Porto Alegre. Nur noch ein paar Stunden bis Angriff. Der Moppel-Mob schmiert sich schwarz-rot-goldene Tarnfarben ins Gesicht für den Marsch in Richtung Stadion. Zweihundert Euro für die Karte haben sich gelohnt. Wenn man immer fein nachrechnet und aufpasst, dass die Taxifahrer einen nicht bescheißen, dann kommt man echt billig durch den Urlaub im Elend anderer Leute. Nervig nur, dass man selbst in der Innenstadt ständig über die Obdachlosen stolpert. Gehören die nicht eigentlich in die Favela?
Es geht los. Nationalhymne wird gesungen und erzeugt bei Uschi und Helmut Bauchgefühle. Häää? Geht das nich los mit „Deutschland, Deutschland über alles? Und dann: Stürmer, Angriff, Verteidigung, Uniformen, Massenhysterie…
Siiiiiieeeeeeeeeeg!!! Heilig ist die deutsche Elf! Gott selbst hat sie auserwählt! Jubel und Bombenstimmung! Widfremde Deutsche liegen sich in den Armen. Sich drücken. Zusammenrücken. Lust auf Weitersaufen und Bock auf Ficken. Einfallen ins Hinterland und die Kneipen besetzen. Helmut aus Stuttgart patscht die Wurstfinger zusammen. Verkündet seiner peer group, dass er jetzt kacken muss. Fragt auf schwäbisch bei der Kellnerin nach der Toilette. Wird verblüffenderweise nicht verstanden. Fragt deshalb etwas lauter! Versucht es auf bayrisch. Klappt auch nicht! Sagt den einzigen Satz, den er beherrscht: „Una Cerveca grande“. Kriegt Bier. Is auch ok. Weltkrieg 2014-da heißt es flexibel zu bleiben.

Oma Hack und Opa Zack…beat of generation flak

Jüngst sah ich mich vernlasst mich einzumischen, als hinter mir in der Tram so sehr boshaft gezischelt und gequäkt wurde, dass mir Geifer und Guschengischt in den Nacken spritzte. Man erregt sich über die Grafitties an den Häusern. Die weibliche Stimme forderte, dass den Schmierfinken die Hände abgehackt werden sollten, während die männliche Stimme: „Totschlgen müßte man die!“ ergänzte. Als ich mich umdreht blickte ich in die Gesichter einer alten plüschigen Oma und eines freundlich erscheinenden Opas wie sie oft auf nostalgischen Suppendosen und Covern von Rentner-Bravos zu finden sind. Als ich sagte, dass man ja Angst bekäme, wenn man da zuhört, tat die die Oma erst ahnungslos. Nachdem ich aber konkreter fragte, wer denn bitte totgeschlagen werden soll, konterte Oma Hack, dass sie das ja garnicht gesagt habe. Da mischte sich Opa Zack ein und gab zu, dass er den Totschlag für Wändebeschmierer gefordert habe. Trotz leichter peinlicher Berührung der beiden Alten, rückten sie nicht von ihrem Standpunkt „Harte Strafen müssen sein!!!!“ ab. Am Park stiegen sie dann aus. Wahrscheinlich um sich demütig im Schatten von preußischer Herrschaftsarchitektur zu sühlen.
Herrenmoral und Mordlust. Oma Hack und Opa Zack im morschen Stechschritt durch Preußen. 1,5 km sind es bis zum Schloß Sansouci. 2780 km bis Stalingrad. Seniler Sadismus oder kotzt sich da der konservierte Stumpfsinn vergangener Zeiten aus?
Ich bin kein Anthropologe, aber soviel ist sicher, die beiden Möchtegern-Henker aus der Tram haben den Arsch so weit offen, dass da Panzer rein- und rausfahren könnten.

Die Ekelpakete von HELLersdorf

Gegen ein Asylbewerberheim regt sich „Anwohnerprotest“. In üblicher Manier reißen da Wutbürger und eingeborene Nazis das Maul auf und den Arm hoch: „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, ABER…“, und dann plärrren sie die ganze Palette fadenscheiniger Phrasen in die Welt.
Das übliche Konglomerat aus widersprüchlichen Meinungen und dumpfen Ressentiments: Da sind angeblich arbeitsfaule Ausländer gierig auf die Jobs erwerbsloser Kartoffeldeutscher. Da phantasiert man Gefahren herbei und eine hysterische Heulsuse führt die eigenen Kinder und Autos heran, die jetzt nicht mehr sicher seien, wegen „das“ was da kommt.
Wären diese doom-deutschen Dumpfbacken bereit zu reflektieren, dann könnten sie den Schwachsinn durchschauen, stattdessen verharren sie voller Schiss in ihrer selbstgewählten Beschränktheit und rotten sich zusammen. So überwindet der Mob aus impertinenten Ekelpaketen die eigene kalte Gesellschaft zu mindestens temporär, wenn er sich bündisch unter der vermieften Decke wiederfindet und sich an den eigenen Brandreden wärmt. Aber kein Mitgefühl für Menschen, die vor Krieg und Armut fliehen. Das haben sie nur für sich selbst. Die Hellersdorfer Hohlköpfe wollen die Flüchtlinge nicht und würden sie gern aus der Stadt jagen, aber gleichzeitig brauchen sie diese für den selbsterhöhenden Vergleich, die Tritte nach unten und als Grund wie angestochen zwischen den Blocks zu krakeelen. Es ist zum Kotzen. Dieses Pack will einfach nicht aussterben.

Ich bin ein Erdling, kein Berliner…

Letztens wurde ich auf einer Party in Berlin von einem anwesenden Gast gefragt, ob ich geborener Berliner sei. Als ich bejahte, rief das Erstaunen bis Anerkennung hervor, weil Berliner in Berlin offenbar rar gesät sind. Diese Art von drögem Dialog ist mir in letzter Zeit schon öfter passiert. Ich sach mal so: Ich bin in erster Linie Erdling, dass reicht mir soweit erstmal-genauere Bestimmungen sind doch pedantischer Bockmist.

Mir sind solche Gespräche aber immer unangenehm, deswegen habe ich mir im inneren Phantasiereich schon ausgemalt wie solche Gespräche demnächst ablaufen sollten:

Nachdem sich also die Erstaunten über den Umstand, einen Berliner in Berlin vorzufinden wieder eingekriegt haben, werden sie so wie immer fragen: „Ost oder West“
„Was meinst Du?“ werde ich dann fragen, eine überreife Banana hervorzaubern und sie ungeschält verschlingen. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden wird steigen und ich hole mein Smartphone hervor und aktiviere die Leierkasten-App. Dann blase ich die Backen auf wie Didi Hallervorden, wiege die Hüften, tänzle ein wenig wie Dieter Thomas Heck im zu engen Zweireiher und verfalle in einen näselnden Sprechgesang:

„Det ik Berliner bin, ditte sieht man mir nich an
Doch tu ik ersma schwadronieren
Hört man wat ik kann
Der Berliner is n janz schön dufter Typ
N knorke Kumpel mit viel Herz
Alle ham ihn lieb…“

Ein Teil der Zuhörer greift zu ihren Smartphones und aktiviert eine Übersetzungssoftware Berlinisch-Englisch. Ich fahre unbeirrt fort:

„Der West-Berliner hat einst die Mauer abjebaut
Dann hat der Ost-Berliner
sich im joldnen Westen seinen Reichtum zusammjeklaut
Hach Leute, mir is schon wieder janz schön blümerant
Ick bin een Berliner und ihr habt dit erkannt…“

Verdammt, diese Phantasie macht mir Angst. Ich sollte nicht mehr zu diesem Thema phantasieren, sonst träum ich nachts noch schlecht. Vielleicht davon, dass ich als letzter Berliner in den Zoo, gar ins Primatenhaus gesperrt werde und dann versucht man mich mit Bananen zu mästen und mit der eigentlich zugezogenen Cindy aus Marzahn zu kreuzen…Igitt…Oh Gott, böse Phantsien! Raus aus meinem Kopf. Wo kommt das alles her??? „Der Wunsch ist Vater des Gedankens!“ sagen gewisse Bafög-Verbraucher in aufdringlicher Gelehrsamkeit. Aaaaaahhhh nein! Das kann man SO nicht sagen…Das…das…das muß nicht immer zutreffen. Dieser Sigmund Freud hatte doch selber so seine Probleme…


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